Der zweifache Sündenfall des Menschen (Konrad Dietzfelbinger)

Der Sündenfall ist eines der zentralen Glaubensthemen, zumindest in christlichen Kreisen. Mich sprechen Positionen an, die ihn nicht moralisch aufladen, sondern ganz nüchtern als Ab-Sonderung, als Trennung von Gott beschreiben, die nun mal geschehen ist und die vor allem auch wieder rückgängig gemacht werden kann durch eine neue Verbindung.

In seinem Buch Die Bibel vertritt Konrad Dietzfelbinger eine solche Position und unterscheidet zudem zwei Phasen des Sündenfalls:

„Der Sündenfall ist ein existenziell-ontologischer, kein moralischer Vorgang. Er hat zwei Phasen. Erstens: Der ursprüngliche geistige Mensch, zur geistigen Schöpfung der Elohim gehörend, ‚fiel‘ in die seelische Schöpfung des Jahwe, das ‚Paradies‘, ein Gebiet langsamerer Schwingung als die geistige Welt. Dies ist der erste ‚Sündenfall‘, die Trennung, die ‚Sonderung‘ vom geistigen Ursprung. Er wird in der Bibel nur indirekt durch die Gegenüberstellung zweier Schöpfungsgeschichten angedeutet.

Michelangelo: Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies, Sixtinische Kapelle

Zweitens: Die Aufgabe des Menschen im ‚Paradies‘ wäre gewesen, in Gehorsam gegenüber Jahwe ein Ich aufzubauen, von dem aus das Erwachen des wahren Selbst und die Rückkehr in die ursprüngliche Geistwelt möglich gewesen wäre. Der Mensch aber war ‚ungehorsam‘, suchte sich in Eigenwilligkeit selbst seinen Weg und verstrickte sich in die materielle Schöpfung – die Welt der Gegensätze von Gut und Böse: Er aß vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Er identifizierte sein Ich mit den vergänglichen Erscheinungen. Dieser zweite ‚Sündenfall‘ ist die Trennung, die ‚Sonderung‘ von Jahwe, die in der Bibel direkt darstellt wird.

Beide Male kann nicht von moralischer Schuld gesprochen werden, die ja ein entwickeltes Ich schon voraussetzt. Trotzdem ist der Sündenfall in seinen beiden Phasen eine unglückliche Fehlleistung der Menschheit. Denn die Konzentration auf die Welt der Erscheinungen verursacht, dass der Mensch sein wahres geistiges und seelisches Wesen vergisst, wodurch ihm die Erfüllung seiner Bestimmung unmöglich wird. Eine Revision ist nur dadurch möglich, dass ihn Wesen, die in besonderer Weise mit der geistigen Welt verbunden sind, an seine Bestimmung erinnern und ihm Kraft geben, sie zu erfüllen. Dann kann er seine Lage erkennen, den zweiten und den ersten ‚Sündenfall‘ rückgängig machen und so die Trennung von Jahwe und danach von den Elohim aufheben. Die erste Aufgabe schildert das Alte, die zweite das Neue Testament.

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