Rudolf Steiner über Alchemie, Theosophie und Rosenkreuz

Rudolf Steiner hat sich intensiv mit rosenkreuzerischen Impulsen beschäftigt. Am 28. September 1911 hielt er in Neuchâtel einen Vortrag über Das Rosenkreuzerische Christentum, in dem er die mittelalterliche Alchimie als Seelenprozeß beschrieb:

Kunrath: kosmische Rose

Die kosmische Rose. Illustration zu Amphitheatrum sapientiae aeternae von Heinrich Khunrath

„Der mittelalterliche Rosenkreuzer nahm selber in seinem Laboratorium diese Prozesse vor, und dann ergab sich der Experimentierende der Betrachtung dieser Bildungen von Salz, der Auflösungen und der Verbrennungen, bei denen er sich stets tief religiösen Empfindungen hingab, und er fühlte den Zusammenhang it allen Kräften im Makrokosmos. Diese Seelenvorgänge riefen bei ihm hervor: erstens Göttergedanken, zweitens Götterliebe, drittens Götteropferdienst. Und dann entdeckte dieser mittelalterliche Rosenkreuzer, dass, wenn er einen Salzbildungsprozess vornahm, in ihm selber solche reinen, läuternden Gedanken aufstiegen.“

Die Begriffe mittelalterlicher Theosoph, mittelalterlicher Rosenkreuzer und Alchimist verwendet Steiner offenbar synonym. Er verweist auf Heinrich Kunrath und Die geheimen Figuren der Rosenkreuzer von Hinricus Madathanus Theosophus. Weiter sagte er über die Arbeit der Alchemisten:

Joseph Wright: Alchemist

Joseph Wright: Alchemist

„So arbeiteten die besten Alchimisten vom vierzehnten bis ins achtzehnte und noch bis an den Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Über diese wirklich moralische, ethische, intellektuelle Arbeit ist nichts gedruckt worden. Was über Alchimie gedruckt ist, handelt nur von rein äußerlichen Experimenten, ist nur von denen geschrieben, welche die Alchimie als Selbstzweck betrieben. Der falsche Alchimist ging darauf aus, Stoffe zu formen. Er sah in den Experimenten bei der Verbrennung der Stoffe

nur den Gewinn des materiellen Ergebnisses. Der rechte Alchimist aber gab auf den Stoff, den er zuletzt erhielt, gar nichts. Es kam ihm nur auf die inneren Seelenerlebnisse während der Stoffformung an, auf die Gedanken, die in ihm waren, die Erlebnisse, die er in sich hatte. Daher war es ein strenges Gesetz, dass der mittelalterliche Theosoph, welcher bei den Experimenten Gold und Silber erzeugte, nie einen Gewinn für sich daraus machen durfte. Er durfte die produzierten Metalle nur verschenken. Der heutige Mensch hat keine Ahnung von dem, was der Experimentierende erleben konnte. Der mittelalterliche Theosoph konnte ganze Seelendramen in seinem Laboratorium erleben, zum Beispiel wenn das Antimon gewonnen wurde, sahen die Experimentierenden sehr bedeutendes Moralisches in diesen Prozessen.“

So wurden die Voraussetzungen für modernes Rosenkreuzertum geschaffen:

Rudolf Steiner 1907, im Alter von 46 Jahren

„Wären damals diese Dinge nicht geschehen, so könnten wir heute nicht im geisteswissenschaftlichen Sinne Rosenkreuzerei treiben. Was der mittelalterliche Rosenkreuzer im Anblick der Naturprozesse erlebt hat, ist eine heilige Naturwissenschaft. Was er erlebte an geistigen Opfergesinnungen, an großen Freuden, großen Naturvorgängen, auch an Schmerzen und Traurigkeit, an erhebenden und erfreuenden Ereignissen während der Experimente, die er vornahm, das wirkte alles erlösend und befreiend auf ihn ein. Alles das aber ruht jetzt in den innersten Untergründen des Menschen, alles, was ihm damals dort hineingelegt wurde.“

Vgl. den Beitrag Moderne Alchemie.

Der Vortrag Rudolf Steiners ist hierin enthalten:

Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit: 23 Einzelvorträge 1911 und 1912 in verschiedenen Städten (Rudolf Steiner Taschenbücher aus dem Gesamtwerk)

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