Hermann Hesse: Narziß und Goldmund

Hermann Hesse hat Generationen von Suchern berührt. In Narziß und Goldmund gehen zwei Freunde ihren jeweils eigenen Weg zur Erkenntnis des Höchsten: Narziß entscheidet sich für das Klosterleben und seine Studien, legt die Mönchsgelübde ab und wird Abt. Goldmund zieht es in die Welt hinaus, er erlebt zahlreiche Abenteuer, gibt sich der sinnlichen Liebe hin und verarbeitet seine Seelenbilder als Künstler.

Narziß und Goldmund – zwei Aspekte, die zusammengehören

Hermann Hesse schrieb 1931 in einem Brief (an Christoph Schrempf):

Hermann Hesse 1925

Hermann Hesse 1925

„Narziß ist ebenso wenig der reine Geistesmensch, wie Goldmund der reine Sinnenmensch – sonst bräuchte einer den anderen nicht, sonst schwängen sie nicht beide um eine Mitte und ergänzten sich. Narziß kann das brutale Wort vom Heiligen und Wüstling sagen, und kann am Ende doch das Ganze von Goldmunds Leben liebend bejahen.“

 

Ein Schlüssel zum spirituellen Verständnis vieler Texte liegt darin, verschiedene Personen als Aspekte des eigenen Wesens zu sehen. Hesse selbst ist wohl beiden Erkenntniswegen gefolgt, hat sicher viel Zeit allein mit Studien und Hingabe an das Schreiben verbracht, war dabei aber kein Asket – das zeigen auch etliche Gedichte. In Narziß und Goldmund sind die Aspekte in verschiedenen Personen dargestellt, während das spätere Glasperlenspiel nur noch einen Hauptcharakter beschreibt.

Goldmund: Die Mutter

Zentrales Motiv in Goldmunds Leben ist die Mutter. Zunächst war für ihn auch ein Leben als Klosterschüler vorgesehen. Narziß erkennt, dass Goldmund anders ist als er, dass er einem anderen Weg folgen muss, und erinnert ihn an seine Mutter, die Goldmund fast vergessen hatte. An mehreren Stellen wird deutlich, dass es dabei um weit mehr geht als seine leibliche Mutter. So heißt es im dritten Kapitel:

„Narziß war nicht mehr im Zweifel über die Natur von Goldmunds Geheimnis. Es war Eva, es war die Urmutter, die dahinter stand.“

Eine Marienfigur in einer Kirche inspiriert Goldmund so sehr (Kapitel 10), dass er den Meister sucht, der sie geschaffen hat, und ihn dazu bewegt, ihn auszubilden. Die Tochter des Meisters fasziniert ihn, aber nicht nur sie (Kapitel 11):

„Außerdem gab es noch ein anderes Gesicht, das in seiner Seele wohnte und ihm doch nicht ganz angehörte, das er einmal einzufangen und als Künstler darzustellen sehnlich begehrte, das sich ihm aber immer wieder entzog und verhüllte. Es war das Gesicht der Mutter. Dies Gesicht war schon seit langer Zeit nicht mehr dasselbe, wie es ihm einst, nach den Gesprächen mit Narziß, aus verlorenen Erinnerungstiefen wieder erschienen war.“

Goldmunds Tod

Goldmunds Tod verleiht dem Werk für mich eine ganz besondere Tiefe (vorletzte / letzte Seite). Der Sterbende spricht zu seinem Freund Narziß:

„Es ist seit manchen Jahren mein liebster und geheimnisvollster Traum gewesen, eine Figur der Mutter zu machen, sie war mir das heiligste von allen Bildern, immer trug ich es in mir herum, eine Gestalt voll Liebe und voll Geheimnis. Vor kurzem noch wäre es mir ganz unerträglich gewesen zu denken, dass ich sterben könnte, ohne ihre Figur gemacht zu haben; mein Leben wäre mir unnützt erschienen. Und nun sieh, wie wunderlich es mir mit ihr gegangen ist: statt dass meine Hände sie formen und gestalten, ist sie es, die mich formt und gestaltet. Sie hat ihre Hände und mein Herz und löst es los und macht mich leer, sie hat mich zum Sterben verführt, und mit mir stirbt auch mein Traum, die schöne Figur, das Bild der großen Eva-Mutter. Noch sehe ich es, und wenn ich Kraft in den Händen hätte, könnte ich es gestalten. Aber sie will das nicht, sie will nicht, dass ich ihr Geheimnis sichtbar mache. Lieber will sie, dass ich sterbe. Ich sterbe gern, sie macht es mir leicht.“

Hesses Schreibmaschine

Hermann Hesses Laptop

Die Abtrennung des Menschen vom Höchsten (Absonderung – Sünde, nüchtern betrachtet, ohne moralische Aufladung) geht auf den Impuls zurück, selbst Schöpfer sein zu wollen, aus eigenem Willen. Der Rückweg besteht darin, wieder im Willen des Höchsten aufzugehen, sich ihm anzuvertrauen. Man kann den physischen Tod als äußeres Bild für das Sterben des Eigenwillens nehmen, das täglich geschehen kann, bei jedem Abschied, jedem Loslassen. Manche nennen es den „mystischen Tod“. Er muss nichts Trauriges an sich haben – etwas von der Leichtigkeit und Freude schwingt im sterbenden Goldmund. Ein Mensch, der während seines Lebens durch diese Pforte gegangen ist, kann den Stoffkörper noch eine Weile behalten und weiter in dieser Welt wirksam sein – ohne Egoismus, in reiner Dienstbarkeit.

Denken, Gefühl und Wille

Narziß steht für das Denken, den Verstand, die Öffnung für den Geist. Narziß verkörpert das Herz, den Sitz der Gefühle, die Öffnung für die Seele. Aus spiritueller Sicht kann man den Willen als dritten Aspekt hinzufügen. Manche sprechen vom okkulten Typ (Weg des Verstandes, des Wissens), vom mystischen Typ (Weg des Gefühls) und vom Willenstyp (der Macher, Magier). Wenn es gut steht, kommen diese drei Aspekte im strebenden Menschen in Harmonie – wobei je nach Typ wohl der eine oder andere etwas überwiegen wird. Das kann man als Grund sehen, sich einer Gruppe anzuvertrauen: gemeinsam fällt es leichter, verschiedene Aspekte auszugleichen. Alle drei Aspekte werden auf dem Weg verwandelt.

Mit dem Literaturnobelpreis 1946 wurde Hermann Hesse zu einem Vorgänger von Bob Dylan.

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