Die Morgenlandfahrt (Hermann Hesse)

Morgenlandfahrt - Originalausgabe

Morgenlandfahrt – Titel der Erstausgabe von 1932

Hermann Hesses Morgenlandfahrt zählt, obwohl zeitgeschichtliche Bezüge darin erkennbar sind, zu den Werken, die dank zeitloser Qualitäten aktuell bleiben. Der Dichter hat seine Worte mit Bedacht gewählt und sich auf nur wenig mehr als 100 leicht zu lesende Seiten beschränkt.

H. H. hat vor Jahren einem Geheimbund angehört und an einer Reise gen Osten, der Morgenlandfahrt, teilgenommen. Er nimmt an, dass die Reise gescheitert sei, vom Bund hat er kein Lebenszeichen mehr wahrgenommen, und auch persönliche Kontakte zu ehemaligen Mitreisenden gibt es nicht mehr. Doch drängt es ihn, einen Bericht jener Reise zu verfassen.

Die Morgenlandfahrt: Eine Reise, die nicht an Zeit und Raum gebunden ist

Bereits nach wenigen Seiten wird deutlich, dass es gar nicht um eine bestimmte Reise zu einer bestimmten Zeit an einen bestimmten Ort geht:

„Ich erkannte: wohl hatte ich mich einer Pilgerfahrt nach dem Morgenlande angeschlossen, einer bestimmten und einmaligen Pilgerfahrt dem Anscheine nach – aber in Wirklichkeit, im höheren und eigentlichen Sinne war dieser Zug zum Morgenlande nicht bloß der meine und nicht bloß dieser gegenwärtige, sondern es strömte dieser Zug der Gläubigen und sich Hingebenden nach dem Osten, nach der Heimat des Lichts, unaufhörlich und ewig, er war immerdar durch alle Jahrhunderte unterwegs, dem Licht und dem Wunder entgegen, und jeder von uns Brüdern, jede unsrer Gruppen, ja unser ganzes Heer und seine große Heerfahrt war nur eine Welle im ewigen Strom der Seelen, im ewigen Heimwärtsstreben der Geister nach Morgen, nach der Heimat.“

In diesem Zusammenhang zitiert Hesse Novalis: „Wo gehen wir denn hin? Immer nach Hause.“

Mit der Orientreise bedient sich Hesse eines alten literarischen Motivs, das auch vor Hesse mit einer Rückkehr zu den Wurzeln, mit Läuterung und Reifung verbunden war. Beispiele finden sich unter anderem in altfranzösische Ritterepen, bei Novalis, in Flauberts Ägyptenbericht sowie in der Reise des Christian Rosenkreuz.

Die Prüfung: Morbio Inferiore

Das Schreiben will H. H. nicht recht gelingen. Immer wieder bleibt er an den Ereignissen in der Schlucht von Morbio Inferio hängen. Damals hatte der Diener Leo die Gruppe verlassen, die daraufhin in Uneinigkeit verfiel. Mit Hilfe eines Jugendfreundes, einem Zeitungsredakteur, findet H. H. den Diener Leo wieder – er wohnt ganz in seiner Nähe. Als seine Sehnsucht und seine Reue stark genug sind (was sich in einem langen Brief an Leo niederschlägt), wird er schließlich vorgeladen. H. H. muss erkennen, dass die Reise keineswegs gescheitert ist, vielmehr wurde er dem Bund untreu. Die Gerichtsverhandlung erinnert an Mozarts Zauberflöte (Sarastro):

„In diesen heil’gen Hallen
kennt man die Rache nicht,
und ist ein Mensch gefallen,
führt Liebe ihn zur Pflicht.“

Den Oberen des Bundes geht es nur um H. H.s Selbsterkenntnis. Statt ihm die Anmaßung zu untersagen, eine Geschichte des Bundes zu schreiben, wird er zu dieser Aufgabe ermutigt und ihm wird sogar das gesamte Archiv zur Verfügung gestellt. Nun erkennt er das Ausmaß seiner Anmaßung rasch.

Biblische Motive

Der Diener Leo erweist sich als der Oberste des Bundes. Das erinnert an die Bibelgeschichte, als die Jünger streiten, wer von ihnen der Größte im Himmelreich sei. Darauf spricht Jesus: „Wenn einer der erste sein will, so soll er der letzte von allen und aller Diener sein.“ Leo formuliert in der Morgenlandfahrt das Gesetzt des Dienens: „Was lange leben will, muss dienen. Was aber herrschen will, das lebt nicht lange.“ (Das erinnert an Bob Dylans Gotta Serve Somebody.)

Am Ende befragt H. H. das Archiv über sich selbst, das heißt er ist bereit zu radikaler Selbsterkenntnis. Da erblickt er eine Doppelfigur, die Leo und ihn darstellt, und er sieht, wie sein Anteil schwächer wird und seine Kraft an Leo überträgt. Das erinnert an das Johannesevangelium: „Er muss wachsen, ich aber muss weniger werden.“ Das passt zu einem gnostischen Bibelverständnis, wonach die Figuren der biblischen Geschichten Aspekte des eigenen Wesens darstellen. Johannes ist der Wegbereiter, der die Pfade recht macht, aber schließlich zurücktreten muss, wenn der Andere, die Neue Seele, Jesus, genügend gereift ist.

An die Idee des Bundes hat Hermann Hesse später im Glasperlenspiel mit dem Orden von Kastalien angeknüpft.

Herzens-Verbindung und Selbsttäuschung

Die Morgenlandfahrt zeigt anschaulich, wie der Verstand, „der Zerstörer des Wirklichen“ (HP Blavatsky in „Die Stimme der Stille“) den Menschen irreführen kann, wenn die Herzensverbindung zum innereigenen Lebensauftrag verloren gegangen ist. Das passierte den Reisenden in der Schlucht Morbio Inferiore. Dann findet der Verstand scheinbare Widersprüche, stört sich an Äußerlichkeiten, und die Erinnerung erweist sich als äußert unzuverlässig. Bereits früh in der Morgenlandfahrt wird ein Teilnehmer beschrieben, der die Gruppe verlässt, weil er den inneren Kontakt verliert und ihm in diesem Zustand alles unsinnig erscheint. Er wird sogleich von seiner Schweigepflicht entbunden: „Da du, wie wir sehen, das Geheimnis vergessen hast, wirst du es niemand mitteilen können.“ Obwohl H. H. das zu diesem Zeitpunkt klar erkannte, kommt er später nicht auf die Idee, dass ihm das gleiche passiert sein könnte wie jenem, den er als „Unglücklichen“ bezeichnete.

Robert de Ropp warnt in Selbstvollendung vor Fallen auf dem spirituellen Pfad und weist ebenfalls darauf hin, dass es keine Geheimnisse gibt, die enthüllt werden können. Nur die Verwandlung des eigenen Wesens in dienenden Lebenspraxis schiebt die Schleier vor den Mysterien beseite. De Ropp bezieht sich ausdrücklich auf die Morgenlandfahrt und Morbio Inferiore. In seinem Bild geht es darum, die „Tretmühle“ der Gefangenheit in Ego-Mustern zu verlassen und den Berg der Befreiung zu besteigen. Bevor das gelingt, muss der „Wald der Täuschung“ durchquert werden, auf dem viele, wie in Morbio Inferiore, ihr Ziel aus den Augen verlieren. Vor dem Berg der Befreiung lauert noch der Berg der Macht, bei dessen Überwindung weitere Täuschungen durchschaut werden müssen („Ent-täuschung“, die Auflösung der Täuschung).

Aus „äußerer“, Verstand-geleiteter Sicht gab es viele sehr unterschiedliche Gruppen, die spirituell, religiös, mystisch oder gnostisch arbeiteten, oder welche Begriffe man auch dafür finden mag. Man kann wissenschaftlich untersuchen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede sich in ihren Weltbildern, Philosophien und Arbeitsweisen nachweisen lassen, und trefflich darüber mutmaßen, auf welchen Wegen spätere Gruppen Elemente früherer Gruppen übernahmen. Aus innerer Sicht gibt es nur eine Morgenlandfahrt, die andauert, seit es Menschen gibt.

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