Rainer Maria Rilke: Baudelaire

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926) hat mit feinem Gespür die Tiefen der menschlichen Seele ausgelotet. Vom zutiefst Menschlichen schlug er immer wieder Brücken zum Ewigkeitsfunken im Menschen. Hier ein Ausschnitt aus dem Gedicht Baudelaire, das zwischen 1909 und 1922 entstand:

Solang du Selbstgeworfnes fängst, ist alles
Geschicklichkeit und läßlicher Gewinn -;
erst wenn du plötzlich Fänger wirst des Balles,
den eine ewige Mit-Spielerin
dir zuwarf, deiner Mitte, in genau
gekonntem Schwung, in einem jener Bögen
aus Gottes großem Brücken-Bau:
erst dann ist Fangen-Können ein Vermögen, –
nicht deines, einer Welt. Und wenn du gar
zurückzuwerfen Kraft und Mut besäßest,
nein, wunderbarer: Mut und Kraft vergäßest
und schon geworfen hättest … (wie das Jahr
die Vögel wirft, die Wandervogelschwärme,
die eine ältre einer jungen Wärme
hinüberschleudert über Meere -) erst
in diesem Wagnis spielst du gültig mit.
Erleichterst dir den Wurf nicht mehr; erschwerst
dir ihn nicht mehr. Aus deinen Händen tritt
das Meteor und rast in seine Räume …

Rainer Maria Rilke 1900Hier weist der Dichter sehr deutlich auf die Notwendigkeit hin, den eigenen Willen einem höheren Prinzip anzuvertrauen, sich dieser Kraft hinzugeben. Das ist ein Weg für die Starken: Für Menschen mit einem klaren Unterscheidungsvermögen der Kräfte, die am Vergänglichen anknüpfen, und der Kräfte mit Ewigkeitswert. Wie leicht ist es, sich irdischen Zielen zu verschreiben und sich dafür aufzuopfern – und wie wenige sind bereit, irdische Ziele konsequent loszulassen und alles Eigene den Kräften der Ewigkeit unterzuordnen.

Die Früchte eigener Bemühungen zu ernten ist „Geschicklichkeit und läßlicher Gewinn“. Auf Impulse der Ewigkeit zu reagieren ist Fangen-Können – aber kein eigenes Vermögen! Ein solcher Mensch wird Teil einer ungetrennten Seelen-Gemeinschaft.

Harmonisch im großen Plan mitzuschwingen ist ein Seinszustand, keine Willensanstrengung, die mal klappt und mal nicht („Kraft und Mut“ vergessen …). In diesem Zustand fällt all das Grüblerische, das Nachdenken über den richtigen Weg und das Hadern weg – der Mensch ist – er erleichtert und erschwert sich den Wurf nicht mehr. Rosenkreuzer sprechen von Selbstübergabe, die auf Einsicht und Heilbegehren aufbaut. Dazu ist es nötig, die oft gut getarnten Aspekte des Eigenwillens bewusst zu erkennen und auflösen zu lassen.

Zitiert nach:
Ausgewählte Rilke-Gedichte:

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