„Isis entschleiert“ von H. P. Blavatsky

So, da liegt er nun, der imposante erste Band dieses monumentalen Werkes: Isis entschleiert, Band I Wissenschaft von H. P. Blavatsky. Immerhin 628 Seiten. Die Jahresangabe finde ich erst am Ende des Vorworts: New-York, im September 1877.

Lohnt sich die Lektüre heute noch, im 21. Jahrhundert? Immerhin haben unter anderem Persönlichkeiten wie Rudolf Steiner und Max Heindel und Bewegungen wie Theosophen, Anthroposophen und Rosenkreuzer an ihren geistigen Impulsen angeknüpft.

H. P. Blavatsky 1889

Die Theosophische Gesellschaft schreibt:

„H. P. Blavatsky fordert uns mit diesem Werk heraus. Dabei sind der Ton und die Tendenz von Isis Entschleiert stets heilsam, erfrischend und anregend.“

Das kann ich nur zum Teil bestätigen: die hohe Seitenzahl kommt vor allem dadurch zustande, dass sie sehr ausführlich auf wissenschaftliche Publikationen des 19. Jahrhunderts eingeht, die heute den wenigsten Lesern vertraut sein dürften. Daher lohnt  sich die Lektüre in dieser Ausführlichkeit meines Erachtens nicht unbedingt. Man braucht entweder Geduld oder erlaubt sich gelegentliches Weiterblättern – unter der Gefahr, eine der gleichsam nebenbei versteckten Erkenntnis-Perlen zu verpassen. Hilfreich ist der Hinweis der Theosophischen Gesellschaft, wie stark Vorurteile und Ablehnung damals waren – in diesem Sinne ist das Werk ein Spiegel des Denkens und Handelns der damaligen Zeit.

Eines Ihrer Hauptanliegen ist offenbar, dem steinharten Materialismus eine Fülle von Fallbeispielen, Belegen und Argumenten entgegenzusetzen, die feinstoffliche Wirksamkeiten belegen und der etablierten Wissenschaft die Grenzen aufzeigen. Stellenweise klingt auch an, dass sie nicht alles „sauber“ findet, was unter dem breiten Dach des Spiritismus ablief.

Ein weiteres Hauptargument lautet: Alte Hochkulturen waren der (zu Ihrer Zeit) aktuellen Wissenschaft in vielem ebenbürtig oder überlegen. Über welches Wissen sie wirklich verfügten, ist (war?) der Öffentlichkeit nur sehr eingeschränkt bekannt. Beispiele sind die Pyramiden, jahrhunderte lang brennende Grablichter und Belege für exakte astronomische Kenntnisse.

Das erinnert mich an Dota Kehr: „Erschlossenes Land“

An einer Stelle musste ich schmunzeln, da wurde das Alter des Werkes deutlich: die aktuelle Wissenschaft sei von den Kenntnissen früherer Hochkulturen so weit entfernt wie von einer Mondlandung. [Verschwörungstheoretiker können jetzt gern einwenden, die Mondlandung habe nur in einem Filmstudio stattgefunden.]

Gegen Ende des Bandes richtet sie den Fokus immer weiter in die Vergangenheit: die griechische Hochkultur habe sich aus ägyptischen Quellen gespeist und diese wiederum lasse sich nach Indien zurückführen (wobei das frühere Indien weiter ausgedehnt war als das heutige).

Ein Zitat (S. 560 in meiner Ausgabe, die aus der VI. Auflage in Deutsche übersetzt wurde, J. J. Couvreur Verlag, Den Haag), das ihren Schreibstil veranschaulichen mag:

„Soweit der menschliche Verstand in der idealen Deutung des geistigen Universums und seiner Gesetze und Kräfte gehen kann, wurde das letzte Wort in früheren Zeitaltern gesprochen, und wenn die Ideen Platos auch des leichteren Verständnisses halber vereinfacht werden, niemand kann daran rühren, ohne dass die Wahrheit Schaden litte. Lasset Menschenhirne sich quälen durch Tausende von Jahren, die noch kommen werden; lasset die Theologen weiter allen Glauben verwirren und ihre Possen reissen, unter dem Zwange unbegreiflicher Dogmen der Metaphysik; die Zweifelsucht durch gewaltsames Unterdrücken der letzten Reste geistiger Intuition der Menschheit mit den Beweisen ihrer Fehlbarkeit verstärken – ewige Wahrheit kann nicht zerstört werden. Ihren höchstmöglichen Ausdruck in unserer menschlichen Sprache findet sie in dem persischen Logos, dem Honover oder dem lebendigen geoffenbarten Worte Gottes. Das zoroastrische Enoch-Verihe deckt sich mit dem jüdischen <<Ich-bin>>, und der <<Große Geist>> des armen, unterdrückten Indianers ist nichts anderes als der geoffenbarte Brahma der Hindu-Philosophen. …“

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