Jakob Böhme über die Liebe

Der Jünger sprach:
Was ist die Liebe in ihrer Kraft und Tugend, und in ihrer Höhe und Größe?

Der Meister sprach:
Ihre Tugend ist das Nichts und ihre Kraft ist durch alles. Ihre Höhe ist so hoch als Gott und ihre Größe ist größer als Gott. Wer sie findet, der findet nichts und alles.

Das klang für mich wie eine „typische Aussage eines Weisen“, die den Sucher ratlos zurücklässt. Vielleicht weil der Meister den Schüler an die Grenzen seines Verstandes führen will? Doch Böhme gibt erstaunlich konkrete Erläuterungen.

Jakob Böhme

Der Jünger sprach:
O lieber Meister, sage mir doch, wie ich das verstehen mag?

Der Meister sprach:
Dass ich sprach, ihre Tugend sei das Nichts, das verstehest du, wenn du von aller Kreatur ausgehest und aller Natur und Kreatur ein Nichts wirst, so bist du in dem ewigen Ein, das ist Gott selber, so empfindest du der Liebe höchste Tugend. Dass ich aber sagte: ihre Kraft ist durch alles, das empfindest du in deiner Seelen und Liebe, so die große Liebe in dir angezündet wird, so brennet sie als kein Feuer vermag.

Auch siehest du alles ausgegossen und in allen Dingen der innerste und äußerste Grund ist. Innerlich nach der Kraft und äußerlich nach der Gestalt. Und dass ich ferner sprach: Ihre Höhe ist so hoch als Gott, das verstehest du in dir selber, dass sie dich in sich so hoch führet als Gott selber ist, wie du das kannst an unserm lieben Herrn Christo nach unserer Menschheit sehen, welchen die Liebe hat bis in den höchsten Thron in die Kraft der Gottheit geführet. Dass ich aber auch davon gesprochen, ihre Größe wäre größer als Gott, das ist auch wahr, denn wo Gott nicht wohnet, da gehet die Liebe hinein; denn da unser lieber Herr Christus in der Höllen stund, so war die Hölle nicht Gott, aber die Liebe war da und zerbrach den Tod.

Auch wenn dir Angst ist, so ist Gott nicht die Angst, aber seine Liebe ist da und führet dich aus der Angst in Gott. Wenn Gott in dir sich verbirget, so ist die Liebe da und offenbaret ihn in dir. Und dass ich weiter gesaget: Wer sie findet, der findet nichts und alles, das ist auch wahr, denn er findet einen übernatürlichen, übersinnlichen Ungrund, da keine Stätte zu ihrer Wohnung ist, und findet nichts, das ihr gleich sei. Darum kann man sie mit nichts vergleichen, denn sie ist tiefer als Ichts [Seiendes, Bestehendes]. Darum ist sie allen Dingen ein Nichts, weil sie nicht faßlich ist. Und darum, dass sie nichts ist, so ist sie von allen Dingen frei und ist das einige Gute, das man nicht sprechen mag, was es sei.

Dass ich aber endlich sagte: Er finde alles, wer sie findet, das ist auch wahr. Sie ist aller Dinge Anfang gewesen und beherrschet alles. So du sie findest, so kommest du in den Grund, daraus alle Dinge sind herkommen und darinne sie stehen und bist in ihr ein König über alle Werke Gottes.

[…]

Auszug aus: Vom übersinnlichen Leben (De Vita Mentali).
Enthalten in Christosophia. Ein christlicher Einweihungsweg.
Herausgegeben und erläutert von Gerhard Wehr.

Zu Jakob Böhme vergleiche den Beitrag Jakob Böhme als Romanfigur: “Das ewige Bildnis” von Edith Mikeleitis.

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