Roman über das Jenseits: „Die Stadt hinter dem Strom“

Mit Die Stadt hinter dem Strom legte Hermann Kasack 1947, kurz nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg, einen eindrucksvollen Roman über das Jenseits vor.

Geschrieben in den Jahren 1942-1944 und 1946, merkt man dem Werk mit der grauen, düsteren Atmosphäre den zeitgeschichtlichen Hintergrund an. Doch mit der Schilderung zeitlos gültiger Wirksamkeiten weist es weit darüber hinaus.

Tagung des deutschen PEN-Zentrums 1949

Hermann Kasack (mit Fliege, am Kopfende des Tisches) bei einer Tagung des deutschen PEN-Zentrums 1949

Robert kommt auf Einladung der Stadtverwaltung in eine ihm unbekannte Stadt, um dort das Amt des Archivars zu übernehmen. Erst nach und nach lernt er, nach welchen Prinzipien das Leben dort abläuft. So haben die Menschen nur eine begrenzte Aufenthaltszeit in der Stadt – allmählich werden ihre Schatten blasser.

Lange fragt sich Robert, wer nach welchen Kriterien entscheidet, wie lange die Werke von Schriftstellern im Archiv aufbewahrt werden. In einer sehr eindrucksvollen Szene erkennt er, dass gar keine Entscheidung erforderlich ist – die Schöpfungen der Menschen enthalten selbst ihren Wert, der sie mehr oder weniger stark an das Zeitgeschehen bindet und ihnen kürzere oder längere, aber immer begrenzte Haltbarkeit gewährt.

Ebenfalls sehr eindrucksvoll ist die Schilderung der beiden Fabriken, in denen immer härter gearbeitet werden muss und die sich gegenseitig mit Material beliefern – die eine verwendet das Endprodukt der anderen als Rohstoff.

Nach und nach zeichnet Kasack ein Bild des Jenseits als vorübergehender Aufenthaltsort der Toten, in dem Lebensthemen ausschwingen, eine gewisse Läuterung stattfindet und schließlich das nächste Leben auf der anderen Seite des Stromes, der gewohnten grobstofflichen Erde, vorbereitet wird. Insofern handelt es sich eher um einen Kreislauf, weniger um einen stufenweisen Erlösungsweg wie in Dantes Göttlicher Komödie. Es handelt sich entschieden nicht um das Paradies.

In all der grauen Düsternis wird kein befreiender Ausweg aufgezeigt. Man kann die Erkenntnis mitnehmen, dass die Hoffnung auf Belohnung oder gar Befreiung nach dem physischen Tod auf einer Täuschung basiert. Wenn ein Aussteigen aus dem Kreislauf von Geburt und Tod, von Wachsen und Auflösung gelingen soll, dann muss die dazu erforderliche Läuterung zu Lebzeiten durchlaufen werden. Viel größer sind die Möglichkeiten auf unserer Seite des Stroms, der das Diesseits vom Jenseits trennt. Hinter dem Strom sind die Möglichkeiten begrenzt, das Leben dort wird von den Bindungen bestimmt, die vor dem Tod eingegangen wurden.

Sicherlich wird kein umfassendes Bild vom Jenseits gezeichnet. Die Stadt ist von einer bestimmten Atmosphäre geprägt, die eine bestimmte Art von Menschen anzieht. Es ist anzunehmen, dass es auch andere, farbenfrohere, fröhlichere Gebiete gibt. Die Endlichkeit, die allmähliche Auflösung seiner Bewohner dürfte hingegen allgemeingültig sein.

Rosenkreuzer bezeichnen das Jenseits auch als Spiegelsphäre.

Wer sich auf die Grundstimmung einlassen will, dem kann ich das Werk sehr empfehlen. Ebenfalls empfehlenswert zu diesem Thema: Das Mysterium Leben und Tod von Jan van Rijckenborgh.

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