Wirklichkeit und Wahrheit

„Stellen Sie sich vor, in Schleswig-Holstein hat ein Bauer den ganzen Vormittag tüchtig gearbeitet. Nun steht die Sonne im Mittag, er setzt sich an den Waldrand in den Schatten, holt sein Essen hervor und macht Mittagspause. Dies ist für ihn eine handfeste Wirklichkeit, nicht wahr? – Zur gleichen Zeit sucht in der Mongolei ein Bauer sein Nachtlager auf und geht gähnend schlafen. Sein Tagewerk ist vorüber, es ist dunkel geworden, er ist müde. Für ihn ist diese Situation eine handfeste Wirklichkeit.

Bauer bei der Arbeit

Zu eben derselben gleichen Zeit, Freunde, erhebt sich in Kanada ein Bauer von seinem Lager, es ist hell geworden, und es ist an der Zeit, an sein Tagewerk zu gehen. Für ihn ist diese Situation eine handfeste Wirklichkeit. Also: Drei Bauern, drei Wirklichkeiten – aber keine Wahrheit! Die Wahrheit ist, wie jedes Schulkind weiß, dass die Sonne weder in der Mongolei „untergeht“ noch in Holstein „im Mittag steht“ noch in Kanada „aufgeht“, sondern die Wahrheit ist, dass die Sonne unbewegt ihre Lichtkräfte aussendet, dorthin, wo sie auf den verschiedenen Planeten zu vielerlei Wirklichkeiten werden. Wir können vergleichsweise sagen: Die strahlende Botschaft der Wahrheit wird in den Bereichen der irdischen Materie und Bewegung in vielerlei Wirklichkeiten aufgespalten und zerfasert: Das weiße Licht wird in Farben zerteilt und in Wärme, es lässt Menschen aufwachen und einschlafen, es bringt Pflanzen zum Blühen und zum Verwelken, es lässt Wasser verdunsten und zu Wolken werden, es lädt diese Wolken auf mit Elektrizität und lässt Gewitter und Regen werden – es sind unendlich viele Wirklichkeiten, durch die sich die eine Wahrheit bemerkbar machen möchte. Leider sehen wir den Wald vor lauter Bäumen und die Wahrheit vor lauter Wirklichkeiten nicht!“

So könnte uns, wenn wir nur genügend Ein-Sicht hätten, jedes Gleichnis innerhalb der vergänglichen
Wirklichkeiten zum Weg-weiser und zum Lebens-Weiser werden!

Ich will noch ein Gleichnis sagen:

Dreiecke
Sie kennen den elementaren Satz der Geometrie, wonach im Dreieck die Summe der Winkel gleich zwei Rechten ist. Das ist ein Axiom -eine Wahrheit. Nun zeichnen und malen wir vielerlei Dreiecke, spitze und stumpfe, schmale und breit hingelagerte, wir zeichnen sie mit Bleistift, mit Tusche, mit Farbstiften grün, blau und rot, wir malen Dreiecke mit dem Pinsel oder sägen sie aus Holz aus. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten.

Alle diese Dreiecke sind mit den Augen zu sehen, es sind Wirklichkeiten – aber nicht die Wahrheit. Wir können diese Wirklichkeitsdreiecke aus Papier, Pappe, Holz wieder vernichten und verbrennen, aber selbst wenn wir alle auf der Welt vorhandenen Dreiecke beseitigen würden, die Wahrheit von der Summe der Winkel bliebe bestehen.

Mit anderen Worten: Die Wirklichkeiten sind sichtbar, aber vergänglich; die Wahrheit dagegen ist unsichtbar, aber unvergänglich.

Nun stellen Sie sich an Stelle der Dreiecke bitte einmal Menschen vor. Auch diese sind in der sichtbaren Wirklichkeit alle voneinander verschieden: dicke, dünne, kleine und große. Jeder vergängliche Mensch aber ist ein Gleichnis für das Unvergängliche, für die Wahrheit! Daher kann auch jeder Mensch hinter den vielen Schleiern seiner Wirklichkeit durch Ein-Sicht in sein innerstes wahres Wesen das „Körnchen Wahrheit“ erkennen, das in ihm schlummert. Er kann, wie es im Märchen von Dornröschen
geschildert wird, durch die Dornenhecke der stachligen Wirklichkeiten hindurchbrechen und die schlafende Schönheit der unvergänglichen Wahrheit und Liebe aufwecken.

Aus Pilgerfahrt südlich Toulouse von Heinz Giebelhausen

In diesem lesenswerten Werk wandelt der Autor auf den Spuren der Katharer und findet einen Weg, den er im Heute gehen kann und will.

Dieser Beitrag ist ein Update zu Die Matrix und die Gnostischen Mysterien der Pistis Sophia.

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