Paracelsus über die zwei Kirchen

Der berühmte Arzt Paracelsus (ca. 1493 bis 1541), getauft als Theophrastus Bombastus von Hohenheim, war ein Zeitgenosse Martin Luthers (1483 bis 1546). Somit war „seine“ Zeit von den Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern Luthers stark geprägt. Vor diesem Hintergrund mag es überraschen, dass er eine ganz andere Ebene meint, wenn er über Zwei Kirchen spricht:

Paracelsus

Paracelsus, Kopie eines nicht erhaltenen Bildes von Quentin Massys

Nun ist die große und unvernommene Stimme der Zeit laut, die jetzt reif ist und über die Schwelle tritt. – Allein des Menschen Ohr hängt am Alten, hört die Stimme nicht, und des Menschen Fuß wurzelt im Gewohnten und zögert vor der Schwelle. Da wird sein Herz unruhig, und mit klugen und gewohnten Reden spricht der Mensch vom Alten in der neuen Zeit. Solche Rede fährt glatt ins Ohr und lullt das kindliche Herz ein. –

Was sagt Christus? Er spricht: ‚Ich bin gekommen zu erfüllen, das ist zu vollzubringen.‘ Also spalten sich zwei Kirchen, und nicht die eine römisch, die andere lutherisch, wie eine Sekte, sondern die eine ist die Kirche der Lehre, die andere die der Vollbringung. Die zu der Lehre ist äußerlich, die der Vollbringung innerlich. Die innerliche steht in Christus und braucht nicht auf Gesetz und Propheten zu lauschen, denn sie ist Gott in uns unvermittelt. Da wird niemand von außen über die Seelen bestimmen, da liegt die Einfalt [das Innerliche, Einfache?], und Vorschriften, Regeln, Priester, Sitten werden stumm. […]

Das Zitat ist der empfehlenswerten, aber nicht einfach zu lesenden Romantrilogie „Paracelsus“ von Erwin Guido Kolbenheyer entnommen (München 1927-1928, S. 756). Ich habe es leicht bearbeitet; die Originalfassung lautet folgendermaßen:

Nun ist die groß und unvernommen Stimm der Zit lout, die nü ist und reif ist, die über die Schwellen tritt – allein des Menschen Ohr hanget beim Alten, hört die Stimm nit, und des Menschen Fueß wurzlet im Gewohnten und stocket für der Schwellen. Do wird sin Herz der Unruh voll, und er redet das Alt der nüen Zit zuo mit klugen und gewohnten Reden. Sollichs fährt dem Ohr glatt in und lullt das kindlich Herz. –

Was saget Christus? Er sprichet: Ich bin ankummen, zu erfüllen, das ist vollbringen. Also spalten sich zwo Kirchen, und nit die ein römisch, die ander lutherisch, zwinglisch, sektisch, sundern die ein ist die Kirch zuo der Lehr, die ander der Vollbringung. Die zuo der Lehr ist äußerlich, die der Vollbringung innerlich. Die innerlich in Christo stoht und broucht nit zu losen uf Gsatz und Propheten, dann sie ist Gott in üns ohnvermittelt. Do wird keiner Herr der Seelen von ussen her sin, do lieget die Infalt, und werden stumm Decreta, Decretales, Pfaffenwandel, Sitten. Menschgott all einig und Gottmensch all einig und ein Schlafkämmerlin.

 

Ähnliche Gedanken sind bei Karl von Eckartshausen in Einige Worte aus dem Innersten zu finden:

Am 16. Februar 2014 veranstaltet die Stiftung Rosenkreuz ein Symposium mit vier Vorträgen zum Thema Paracelsus – Visionär für unsere Zeit. Spurensuche.

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