Fehlgeleitete Sehnsucht nach Vollkommenheit: Erich Kästner über Quadrate und Menschen

Der Schriftsteller Erich Kästner (1899 – 1974) wurde bekannt mit Werken wie „Pünktchen und Anton“, „Emil und die drei Zwillinge“, „Das doppelte Lottchen“ und „Das fliegende Klassenzimmer“. Aufgewachsen ist Erich Kästner in Dresden, und über diese Zeit hat er mit feinem Humor das wunderbares Buch „Als ich ein kleiner Junge war“ geschrieben, das einen guten Eindruck vom Leben im alten Dresden (vor der Zerstörung) vermittelt.

Das ernste Kapitel „Ein Kind hat Kummer“ endet folgendermaßen:

Erich Kästner 1961

Erich Kästner 1961

„Das Quadrat ist kein Kreis, und der Mensch ist kein Engel. Die Quadrate scheinen sich damit abgefunden zu haben, dass sie nicht rund sind. Jedenfalls hat man bis heute nichts Gegenteiliges gehört. Sie sind, lässt sich vermuten, mit ihren vier rechten Winkeln und mit ihren vier gleichlangen Seiten einverstanden. Sie sind die vollkommensten Vierecke, die man sich denken kann. Damit ist ihr Ehrgeiz befriedigt.

 

Bei den Menschen ist das anders, zumindest bei denen, die über sich hinausstreben. Sie wollen nicht etwa vollkommene Menschen werden, was ein schönes und angemessenes Ziel wäre, sondern Engel. Sie streben, soweit sie das überhaupt tun, nach dem falschen Ideal. Die unvollkommene Frau Lehmann möchte nicht die vollkommene Frau Lehmann werden, sondern eine Art Heiliger Cäcilie. Glücklicherweise erreicht sie das falsche Ziel nicht, sonst hätten Herr Lehmann und die Kinder nichts zu lachen. Mit einer Heiligen, mit einem Engel wäre ihnen nicht gedient. Sondern mit der vollkommenen Frau Lehmann. Doch gerade diese kriegen sie nicht. Denn gerade das will Frau Lehmann nicht werden. So sieht sie zum Schluss aus wie ein schiefes, krummgezogenes Viereck, das ein Kreis werden wollte. Das ist kein schöner Anblick.“

Aus gnostischer Sicht könnte man, etwas nüchterner und weniger poetisch, ergänzen: Der Mensch ist aus zwei Welten zusammengesetzt – aus einem irdischen Körper mit irdischen Trieben und einer irdischen Seele sowie einem unsterblichen System mit einem göttlichen Kern. Die irdische Persönlichkeit empfängt den Ruf aus der Ewigkeit und versucht, ihm gerecht zu werden – doch er gilt ihr nicht direkt. Die Persönlichkeit mit all ihren Schwächen und Unvollkommenheiten ist nur der Träger, das Gefäß für den Geistfunken, und es genügt, wenn sie ihm Raum gibt – ohne selbst die Vollkommenheit imitieren zu müssen.

Ein Bild dafür ist die Raupe: In ihr ist das Ideal des Fliegen-Könnens angelegt. Doch wie sehr sie sich auch auf ihrem Blättchen reckt und mit ihren Härchen wackelt, sie wird so, wie sie ist, niemals fliegen können. Erst nach ihrer Verwandlung zum Schmetterling erfüllt sich der Traum vom Fliegen in einem völlig neu gebildeten Körper. Dafür musste sie ihre alte Form vollkommen preisgeben.

 

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