Von der Unsinnigkeit des spirituellen Weges

Viele, die spirituelle Lehren verkündeten, wurden als Narren verspottet. Aus weltlicher Sicht erscheint es unsinnig, einem spirituellen Pfad zu folgen.

Paulus und Jakob Böhme: Ihre Lehren gelten als Narrheit

So spricht in der Apostelgeschichte 26 der Statthalter Festus:

„Paulus, du rasest! Die große Kunst macht dich rasend.“

Andere Übersetzung:

„Du bist von Sinnen, Paulus! Die große Gelehrsamkeit bringt dich zum Wahnsinn.“

Um nur noch ein Beispiel herauszugreifen: Der Mystiker Jakob Böhme hat viel Feindschaft erfahren und diese in der Vorrede seines Erstlingswerkes Aurora oder Morgenröte im Aufgang vorhergesehen:

Jakob Böhme

Jacob Böhme: posthumes Portrait von Gottlob Glymann ohne Jahr; Kamenz, Museum der Westlausitz; Wikimedia Commons

„Wenn nun Meister Klügling … über dies Buch kommen wird, der wird Widerpart halten, …

Erstlich wird er sagen, ich sei viel zu hoch in die Gottheit gestiegen, mir gezieme solches nicht.

Darnach wird er sagen, ich rühme mich des h. Geistes; ich müsste auch also leben und solches mit Wunderwerken beweisen.

Zum dritten wird er sagen, ich tue solches aus Begierde des Ruhmes.

Zum vierten wird er sagen, ich sei nicht gelehrt genug dazu.

Zum fünften wird ihn die große Einfalt des Autors sehr ärgern, wie denn der Welt Brauch ist, nur auf das Hohe zu sehen und sich an der Einfalt zu ärgern.“

Mit folgenden Worten beschrieb Jakob Böhme seine Vision in den Theosophischen Sendbriefen:

„Mir ist die Pforte eröffnet worden, dass ich in einer Viertelstunde mehr gesehen und gewusst habe, als wenn ich wäre viel Jahr auf hohen Schulen gewesen. Ich sah und erkannte das Wesen aller Wesen, den Grund und den Ungrund; item die Geburt der Heiligen Dreifaltigkeit, das Herkommen und den Urstand dieser Welt.“

Im Corpus Hermetikum, einer alten ägyptischen Weisheitsschrift, findet sich im ersten Buch Pymander eine ausführlichere Beschreibung eines solchen Erlebnisses – und eine Erklärung, warum das Spirituelle dem Irdischen als Torheit erscheinen muss.

Die Vision des Hermes Trismegistos

Hermes Trismegistos berichtet:

„Einst, als ich die wesentlichen Dinge überdachte und mein Gemüt sich erhob, schlummerten meine körperlichen Sinne vollkommen ein, wie bei jemandem, der nach einer übermäßigen Mahlzeit oder infolge großer körperlicher Müdigkeit von einem tiefen Schlaf übermannt wird.

Es war mir, als sähe ich ein gewaltiges Wesen von unbestimmter Form, das mich beim Namen nannte und zu mir sagte:

„Was willst du hören und sehen, und was verlangst du, in deinem Gemüt zu lernen und zu erkennen?“

Ich sprach: „Wer bist du?“

Und erhielt zur Antwort: „Ich bin Pymander, das Gemüt, das aus sich selbst seiende Wesen. Ich weiß, was du begehrst, und ich bin überall mit dir.“

Ich sagte: „Ich begehre, unterrichtet zu werden über die wesentlichen Dinge, ihre Art zu verstehen und Gott zu erkennen. O, wie sehr verlange ich zu verstehen!“

Bodeninlay in der Kathedrale von Siena: Hermes Trismegistus; Urheber unbekannt; Quelle: http://web.axelero.hu/dob10638/konyvtar/tabula.htm; User Mattes, Wikimedia Commons

Er antwortete: „Halte in deinem Bewusstsein gut fest, was du lernen willst, und ich werde dich unterrichten.“

Bei diesen Worten veränderte sich sein Aussehen, und sogleich öffnete sich in einem Augenblick alles für mich; ich sah eine ungeheure Vision: alles wurde zu einem serenen und herzerfreuenden Licht, und ich freute mich über die Maßen über seinen Anblick.“

Diese Vision erinnert auch an Johannes auf Patmos in der Offenbarung.

Inspiration außerhalb der Sinne: Un-Sinnigkeit

Hermes kann die „Erkenntnis aus erster Hand“ empfangen, als seine Aufmerksamkeit nicht von den körperlichen Sinnen in Anspruch genommen wird.

Wenn also jemand sagt: „Dieser spirituelle Pfad, den Du da gehen willst, ist doch vollkommen unsinnig!“, dann kann freudig zugestimmt werden: „Ja, in der Tat: Die höchste Erkenntnis wird nicht mit den Sinnen errungen, sie kommt aus einer höheren Sphäre, zu der die körperlichen Sinne keinen Zutritt haben, sie ist also un-sinnig!“

Zu Hermes vergleiche den Beitrag: Hermes zum Verhältnis von Körper und Seele.

Buchempfehlung zur Torheit des spirituellen Weges: Ein Roman von Anker Larsen.

Olsens Torheit

Buchempfehlung: Moderne Interpretation der Hermetischen Schriften (Hermes Trismegistos, Tabula Smaragdina):

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2 Gedanken zu „Von der Unsinnigkeit des spirituellen Weges

  1. Pingback: Spirituelle Narren: Olsens Torheit (Anker Larsen) | Spiritualität Dresden

  2. Jakob Böhme ist der wichtigste Vertreter der christlichen Theosophie. Interessanterweise gibt es sogar innerhalb der Kirche eine Wandlung, nämlich in Form der Pfingstbewegung. Die Pfingstbewegung sollte allerdings nicht-trinitarisch sein. Mehr dazu auf meiner Internetseite.

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