Jakob Böhme und der Baum des Lebens

Jakob Böhme beginnt sein Erstlingswerk Aurora oder Morgenröte im Aufgang mit einer langen Vorrede des Verfassers. Darin nutzt er eine ausführliche Analogie des Baumes, um seine Auffassungen von Philosophie, Astrologie und Theologie darzustellen. Ein kurzer Abschnitt daraus (ziemlich am Anfang, nach wenigen Absätzen) lautet:

Berthold Furtmeyr, „Baum des Todes und des Lebens“, Salzburger Missale (15. Jh.)

Nun merke, was ich mit diesem Gleichnis angedeutet habe. Der Garten des Baumes bedeutet die Welt, der Acker die Natur, der Stamm des Baumes die Sterne, die Äste die Elemente; die Früchte, so auf diesem Baume wachsen, bedeuten die Menschen; der Saft in dem Baume bedeutet die klare Gottheit. Nun sind die Menschen aus der Natur, Sternen und Elementen gemacht worden; Gott der Schöpfer aber herrscht in allem, gleichwie der Saft in dem ganzen Baume. Die Natur aber hat zwei Qualitäten in sich bis in das Gericht Gottes, eine leibliche, himmlische und heilige, und eine grimmige, höllische und durstige.

Die Menschen sind aus irdischen Bausteinen zusammengesetzt, werden jedoch von göttlichen Kräften gespeist.

Zum Baum des Lebens gibt es den sehenswerten, dabei in seiner Bilderwelt durchaus anspruchsvollen Film The Fountain. Estas Tonne erwähnt den Baum des Lebens in Who am I.

Wenig später verweist Böhme den Menschen auf seine Eigenverantwortung – sowohl, was den Fall ins Ungöttliche betrifft, als auch hinsichtlich der Möglichkeit, sich wieder aus diesem Zustand zu erheben:

Der Mensch aber hat sich selbst in die Grimmigkeit geworfen durch den Fall Adams und Evas, dass ihm das Böse anhängt; sonst wäre sein Quell und Trieb allein in dem Guten. […]

Weil aber der Mensch in beiden den Trieb hat, so mag er greifen, zu welchem er will; denn er lebt in dieser Welt zwischen beiden und sind beide Qualitäten, böse und gut, in ihm; in welches der Mensch wallt, damit wird er angetan, in heilige oder höllische Kraft.

Zum Einlesen in Jakob Böhme sind Bücher von Gerhard Wehr (leider 2015 verstorben) empfehlenswert.

 

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Ein Gedanke zu „Jakob Böhme und der Baum des Lebens

  1. Servus! Dankeschön für den Artikel über Jakob Böhme. Die Mystik ist ein interessanter spiritueller Weg. Mir hat die Jakob Böhme – Schrift; – Vom übersinnlichen Leben – sehr gefallen. “Ein Gespräch eines Meisters und Jüngers
    Wie die Seele möge zu göttlicher Anschauung und Gehör kommen und was ihre Kindheit in dem natürlichen und übernatürlichen Leben sei, und wie sie aus der Natur in Gott und wieder aus Gott in die Natur der Selbstheit eingehe, auch was ihre Seligkeit und Verderben sei….“ https://www.hermetik-international.com/de/mediathek/historische-schriften-der-mystik/jakob-boehme-de-vita-mentali-oder-vom-uebersinnlichen-leben/

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