Buddhistischer Roman: „Die Stimme des Zwielichts“ von Ulli Olvedi

Ulli Olvedi erzählt in Die Stimme des Zwielichts die Geschichte von Maili, die nach dem frühen Tod ihrer Eltern und ihres kleinen Bruders ins Klosterleben eintauchte. Der leicht zu lesende, berührende Roman setzt den Vorgängerroman Wie in einem Traum fort, kann aber auch gut eigenständig gelesen werden.

Maili verlässt das Kloster

Die Stimme des Zwielichts

Maili hatte die klösterlichen Gelübde abgelegt und sich auf ein Leben als Nonne im Tal von Katmandu (ein Exil für den tibetischen Buddhismus) eingestellt. Doch ihre spirituellen Lehrer haben andere Pläne: Sie soll den Mönch Sönam heiraten, die Gelübde zurückgeben, die vertraute Heimat in Nepal verlassen und als Lama (spirituelle Lehrerin) ein buddhistisches Zentrum im fernen England leiten. Maili lässt sich auf das Abenteuer ein, und der Leser erlebt ihren spirituellen Wachstumsprozess mit.

Das christliche Mittelalter

In einer Reihe von Träumen wird Maili mit dem strengen christlichen Mittelalter konfrontiert: zwei Waisenkindern, einem strengen, sich selbst kasteienden Mönch, und mit Hexen-Anschuldigungen. Den Jungen aus ihrem Traum erkennt sie als frühere Inkarnation eines behinderten Jungen, dem sie in England begegnet. Sie erspürt seine Empfindsamkeit und hilft seiner Mutter, ein liebevolles Verhältnis zu ihrem Sohn zu entwickeln und ihr kirchlich-christlich geprägtes Schuld- und Sündenbewusstsein loszulassen.

Westliches Denken aus Sicht des tibetischen Buddhismus

Am Ende kehrt Maili für eine Weile in ihr Kloster zurück, um etwas Abstand zu gewinnen, aus ihren (vermeintlichen) Fehlern zu lernen und ihre spirituellen Lehrerinnen wiederzusehen. In einer eindrucksvollen Szene berichtet sie einer alten Nonne über ihre Schwierigkeiten, sich auf das westliche Denken einzustellen. Wahrlich gut getroffen?

„Sie neigen dazu, entweder sehr aufgedreht oder sehr bedrückt zu sein. Als gäbe es dazwischen keinen Zustand, nur dieses Entweder-oder – nur Tag und Nacht und keine Dämmerung dazwischen. Sie fragen auch oft, ob etwas, das die Lehren sagen, <wirklich so ist>. Und wenn ich erkläre, dass es ein <absolut> nur auf der relativen Ebene geben kann, lachen sie und sagen: <Das ist ein guter Spruch.> Aber ich spüre, dass es nicht in ihren Geist eingedrungen ist.

Sie können so gut denken, aber es ist oft ein wasserdichtes Denken, auf dem die Lehren herumkullern wie Wassertropfen auf einer Fettschicht. Manchmal benützen sie die Lehren sogar als Waffen gegen einander anstatt als Inspiration für sich selbst.

Andererseits – viele sind auch sehr eifrig, sehr wissbegierig, wie ausgehungert. Aber es ist schwer, ihnen klar zu machen, dass der Dharma-Weg nicht dazu da ist, um sich besser zu fühlen und alles ganz wunderbar zu machen, sondern dass es darum geht, die Trennung zwischen sich selbst und anderen aufzulösen.

Manche kommen zu mir und meinen, wenn ich ihnen sage, wie sie ihr Leben leben sollen, dann geht es ihnen gut. Aber das kann ich ihnen doch nicht sagen. Das kann man niemandem sagen.“

Das Werk bietet einen leicht zu lesenden Zugang zum (tibetischen) Buddhismus, beugt etlichen Missverständnissen vor und lässt einen klaren, freudevollen Weg zur Überwindung des Leidens hervortreten.

 

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