Neu (2019): Jacob Böhme: Auf der Suche nach seiner Weltformel

Mit Jacob Böhme: Auf der Suche nach seiner Weltformel legt Wolfgang Bauernfeind (*1944) einen brandneuen, spannenden und originellen Böhme-Roman vor, erschienen im Mitteldeutschen Verlag.

Böhme-Forscher in Görlitz dank bisher unentdeckter Handschriften

Jacob Böhme: Auf der Suche nach seiner Weltformel

Fiktiver Anlass für das plötzlich auflebende Interesse an dem Mystiker und Philosophen Jacob Böhme (1575 – 1624) ist der Fund bisher unbekannter, tagebuchartiger Handschriften bei der Renovierung eines Hauses in Görlitz. Sogleich reisen einige Böhme-Forscher in die ostsächsische Kleinstadt, die sich als Zgorzelec auch auf die polnische Seite erstreckt:

  • „Meister“ Dunker von der niederländischen Böhme-Gesellschaft in Amsterdam. Dort wurden bereits kurz nach Böhmes Tod seine Schriften gesammelt und gedruckt;
  • Forchini, Astrophysiker aus Verona;
  • Traugott, Böhme-Biograph und Historiker aus Bamberg;
  • Stoudt, Amerikaner aus Akron / Ohio und Quäker;
  • Hämmerling, Hartz-IV-Empfänger aus Berlin und „Kirchenstörer“, zum Beispiel mit Zwischenrufen bei Predigten wie dem Vorwurf, die Priester predigten Wasser und tränken Wein; er sieht in Böhme einen Geistesverwandten hinsichtlich der Ablehnung der „Mauerkirche“;
  • Der Ich-Erzähler, ehemaliger Journalist, vermutlich mit autobiografischem Bezug, über den der Leser ansonsten wenig erfährt; ihn treibt die Suche nach dem Schlüssel zu tieferem Böhme-Verständnis an.

Eintauchen in Jacob Böhmes Lebensumstände

An vielen Stellen vermittelt Bauernfeinds Roman lebendige Einblicke in Böhmes persönliche Lebensumstände sowie in den zeitgeschichtlichen Hintergrund. Dies geschieht sowohl in den Textauszügen aus dem Fund als auch in Gesprächen zwischen den Forschern. Insbesondere Traugott teilt sein historisches Wissen. So erfährt der Leser Hintergründe des Dreißigjährigen Krieges (1618 – 1648), dessen Anfänge Jacob Böhme (gestorben 1624) noch erlebte, und es wird auf beklemmende Weise klar, was die Anwesenheit tausender Soldaten in Görlitz für die Bevölkerung bedeutete.

Der Leser erlebt Böhmes Wandlung vom Schuster zum Garnhändler mit und erfährt von dem schwierigen Leben seiner Frau Katharina, die ebenfalls mit Garn handelte und unter den Anfeindungen gegen Böhme und die ganze Familie litt, die zu großen Teilen vom Primarius Gregor Richter initiiert wurden. Bauernfeind erzählt auch von Böhmes später, vergeblicher Hoffnung, in Dresden mehr Anerkennung zu erfahren als in Görlitz. Schließlich geht es um Böhmes krankheitsbedingten Abschied vom Leben und die unschönen Begleitumstände seiner Beerdigung.

Annäherungen an Jacob Böhmes Werk

An vielen Stellen ist deutlich zu spüren, dass Bauernfeind sich nicht nur mit den Zeitläuften, sondern auch mit den Werken Böhmes intensiv auseinandergesetzt hat. Dabei geht es mehr um eine Annäherung als um einen fest definierten Schlüssel – durch seine mystische Tiefe entzieht sich Böhme immer wieder einfachen Kategorisierungen.

Er wird mit mittelalterlichen Alchemisten in Verbindung gebracht, wobei es Böhme um den inneren Prozess der Erleuchtung ging, nicht um das materielle Gold. Im Verhältnis zu Paracelsus heißt es im Kapitel „Böhme ist Zeitzeuge“, Paracelsus habe Natur und Mensch vom Firmament her betrachtet, Böhme dagegen in sein Inneres geblickt, um die Stimme Gottes zu erkennen.

Immer wieder bezieht sich Bauernfeind auf Werke Böhmes. So lässt er Stoudt vom Erstlingswerk Aurora oder die Morgenröte im Aufgang schwärmen, erwähnt im Zusammenhang mit Paracelsus Die drei Prinzipien göttlichen Wesens und Vom dreifachen Leben des Menschen und zitiert im Kapitel „Tenbroke will mehr“ vom Ende des Werkes De signatura rerum (Von der Geburt und der Bezeichnung aller Wesen). Auch die Sendbriefe werden mehrfach erwähnt.

Böhme und das Rosenkreuz

An mehreren Stellen wird auf Rosenkreuzer verwiesen: Ganz am Anfang im Kapitel „Die Böhme-Gesellschaft macht mobil“ geht es um die Alchimische Hochzeit des Christian Rosenkreuz und Bedeutungsebenen der Zahl Sieben, im Kapitel „Kulissengeschiebe – aber wer schiebt was?“ wird auf den sechsten Tag der Alchimischen Hochzeit verwiesen, die Verwandlung nach Geist, Seele und Körper.

Roman-Elemente rund um die historischen Fakten

Bauernfeind gebührt das Verdienst, einen kurzweiligen Zugang zu Jacob Böhmes Gedankenwelt geschaffen zu haben. Dazu hat der Autor einige Spannungselemente um die historischen Fakten gewoben. Hierzu zählen vor allem Verwicklungen um den Amerikaner Stoudt, wie eine schmerzhafte Konfrontation mit Nazis, eine kleine grenzüberschreitende Liebesgeschichte mit einer Polin und eine Prise Geheimdienst.

Gegen Ende des Romans erscheint wie in einem Traumbild Sir Issac Newton und deutet seine Wertschätzung Böhmes sowie, vielleicht überraschend starke, Parallelen zwischen seinem eigenen Werk und dem Böhmes an.

Fazit: Jacob Böhme – Auf der Suche nach seiner Weltformel

Die Rahmenhandlung mündet in einem spektakulären Finale, das hier nicht verraten werden soll, aber Konsequenzen sowohl für die Einordnung des „Fundes“ als auch für die Stadt Görlitz selbst mit sich bringt. Die Vor-Ort-Recherche der Böhme-Forscher wird mit einem Symposium abgeschlossen, das von eher akademischen Betrachtungen dominiert wird. Darin wird Böhme unter anderem zur modernen Quantenphysik in Beziehung gesetzt.

Bauernfeinds Roman ersetzt keinesfalls die Lektüre der Originalwerke – er weckt jedoch durchaus Lust, sich erstmals oder neu mit den rund vierhundert Jahre alten Texten auseinanderzusetzen. Originell ist er allemal – es dürfte sonst kaum einen Roman über Jacob Böhme geben, in dem US-Präsident Trump erwähnt wird und der Syrien-Krieg zum Dreißigjährigen Krieg in Beziehung gesetzt wird.

Böhmes Vermächtnis lässt sich nicht auf eine kurze, prägnante, leicht mit dem Verstand fassbare Weltformel komprimieren. Vielmehr ist jeder Leser des Görlitzer Schusters aufgefordert, das Geheimnis des Lebens in sich selbst zu entdecken. Wer sich darauf einlässt, dem kann Bauernfeinds Roman eine Tür öffnen, hinter der die Originaltexte Böhmes zu tiefer Besinnung anregen, um selbst zu der inneren Schau durchzudringen, die Böhme inspirierte.

Hier eine Video-Rezension von KulturMD.

Ein älterer, sehr empfehlenswerter Roman über Böhme stammt von Edith Mikeleitis: Das Ewige Bildnis. Filmtipp: Morgenröte im Aufgang – Hommage à Jacob Böhme.

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