Jakob Böhme über den alten und den neuen „Adam“

Jakob Böhme unterschied scharf zwischen dem „alten Adam“, also dem irdischen Menschen, und dem „neuen Adam“, dem himmlisch-göttlichen Menschen. Das wird deutlich in folgendem Auszug aus Von der Menschwerdung Jesu Christi (De incarnatione verbi, 1620):

Uns ist erkenntlich, dass der alte Adam nichts vom neuen weiß noch verstehet. Er verstehet alles irdisch, er weiß nicht, wo Gott oder was Gott ist. […]

Teil 1, Kapitel 13 „Vom zweifachen Menschen“, 5.

Es besteht also eine enorme Kluft zwischen dem „gefallenen“ irdischen Zustand und dem Gott-im-Menschen, dem „neuen Adam“. Es ist nicht der „alte Adam“, der Gott schauen wird – vielmehr ist eine vollständige Verwandlung nötig, eine Transfiguration, von Böhme auch als „neue Geburt“ bezeichnet. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist ein klares Unterscheidungsvermögen der „zwei Seelen“, der zwei Lebensprinzipien. Folgendes Zitat aus dem nächsten Abschnitt (Nr. 6) unterstreicht das:

Unter solchen Dornen und Disteln müssen Gottes Kinder wachsen. Sie werden in dieser Welt nicht erkannt, denn der Zorn Gottes verdecket sie. Es kennet sich auch ein Kind Gottes selbst nicht recht. Es siehet nur den alten Adam, der ihm anhanget, der immer will das Jungfrauenkind ersäufen, …

Der irdische Mensch kennt Gott nicht, ja er will sogar den göttlichen Funken zum Schweigen bringen, um nicht aus seiner gewohnten Lebensbahn gerissen zu werden.

… es sei denn, dass das Jungfrauenkind einen Anblick in Ternarium Sanctum [Heilige Dreifaltigkeit] empfahe. Da kennet sichs, wenn ihm das edle schöne Ritterkränzchen wird aufgesetzet. Da muss der alte Adam hintennach sehen, und weiß nicht, wie ihm geschieht. Er ist wohl sehr freudig, aber er tanzet als einer nach der Saiten [nach einer bestimmten Musik]. Wenn das Spiel aufhöret, so hat seine Freude ein Ende und (er) bleibet der alte Adam, denn er gehöret der Erden und nicht der englischen Welt.

TEIL 1, KAPITEL 13 „VOM ZWEIFACHEN MENSCHEN“, 6.

Viele spirituelle Sucher kennen die Erfahrung, von Zeit zu Zeit von etwas Höherem berührt zu werden. Es ist wie bei einem Leuchtturm, der sein Licht über die dunkle Umgebung kreisen lässt. Einen Moment lang wird das in den Wellen schwankende Schiff vom Licht erfasst, dann befindet es sich wieder in der Dunkelheit.

Böhme schildert unverblümt, dass ein solcher Zustand nicht genügt – wie schön es auch sein mag, eine Ahnung vom Höheren zu erfahren. Wirkliche Befreiung ist erst in einem dauerhaft neuen Lebenszustand erreicht.

Wer sich Böhme mit etwas leichter verdaulicher Kost nähern mag, dem seien zwei Romane empfohlen:

Empfehlenswert zudem der ebenso ungewöhnliche wie intensive Film Morgenröte im Aufgang – Hommage à Jacob Böhme.

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