Jakob Böhme: Warum musste Christus so leiden?

Im Christentum wird das Leiden Christi stark betont. Das schreckt bis heute viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen von der christlichen Religion ab. Das stellte auch Jakob Böhme in seiner Schrift Beschreibung der drei Prinzipien göttlichen Wesens von 1619 im Kapitel 25 fest.

Er schreibt aus Sicht der Vernunft (25.18): Sie sieht ein, dass Christus durch den Tod gehen musste, um ihn zu zerbrechen und zu überwinden. Aber warum all das Leiden?

Was ist dann /
dass er musste also verachtet / gegeißelt / mit einer Dornen-Krone gekrönet /
und endlich zwischen Himmel und Erde gekreuziget werden?

Konnte er nicht sonst sterben und durch den Tod grünen mit seinem himmlischen Leibe?

Diese Fixierung auf das Leiden macht das Christentum nicht gerade attraktiv:

Diese schweren Punkte stoßen alle Juden / Türken und Heiden darnieder / und halten sie vom Christlichen Glauben dahinden.

Christus‘ Leidensweg als Parallele zu Adams Sündenfall

Jakob Böhmes Antwort greift tief. Er zieht eine Parallele zwischen dem Sündenfall des adamitischen Menschen und dem Leidensweg Christi zur Auferstehung (ab 25.29). So wie sich bei der Trennung Adams vom göttlichen Lebensfeld viele Aspekte unterscheiden lassen, so musste Christus all diese Aspekte erneut durchleben, um die Trennung rückgängig zu machen. Er lebte den Weg vor, zu dessen innerlicher Verwirklichung jeder Mensch gerufen ist. Historische Ereignisse sind dabei Bilder für Seelenprozesse, die zu jeder Zeit erlebt und umgesetzt werden können.

Bei Christus unterscheidet Böhme zwischen dem äußerlichen, irdischen und dem innerlichen, geistig-göttlichen Wesen. Der äußere Christus litt, um das innere Wesen aus der Bindung an die stoffliche Welt zu befreien.

  1. Christus musste sich von den Hohepriestern verspotten lassen, so wie die Teufel (das Kraftprinzip der irdischen Welt) Adam verspotteten, als dieser seinen göttlichen Leib („Engels-Gestalt“) ablegen und ein irdisches Gewand („Sclangen-Gestalt“) tragen musste.
  2. Als Adam irdisch wurde, durchdrangen ihn irdische Begierden („grimmige Essentien“), wurden Teil von ihm und quälten, ja peitschten ihn von da an. Gelindert wurde diese Qual nur durch die göttliche Verheißung. Dem äußerlichen Christus wurde „auch diese Pein von außen angetan / dass er gepeitschet ward“. Christus‘ äußerlicher Leib war ein Zeichen für den Befreiungsweg der innerlichen Gestalt.
  3. Adam begehrte die irdische Welt aus Hochmut („Hoffahrt“), um darin Gott zu gleichen und die irdische Krone zu tragen. Analog dazu musste Christus die Dornenkrone tragen und sich als falscher König verspotten lassen.
  4. Als Adam in den Geist dieser Welt eintauchte, wurden ihm seine göttlichen Eigenschaften („Essentien“) genommen (zerbrochen). Er konnte nicht mehr aus sich selbst heraus schöpferisch wirken: die Trennung der Geschlechter erfolgte, als die Frau aus Adams Rippe gebildet wurde. Analog dazu wurde Christi Seite mit einem „Spieß“ (Speer) geöffnet, das irdische Blut floss aus ihm. So sollen wir „den zerbrochenen Menschen in uns“ sehen.
  5. Adams Weg vom Göttlichen ins Irdische kann als Weg „aus dem ewigen Tage in die ewige Nacht“ beschrieben werden. Entsprechend musste Christus „in finsterer Nacht gebunden geführet werden für [vor] zornige Mörder“.
  6. Adam war bestrebt, aus seiner eigenen Klugheit heraus diese Welt zu gestalten. Entsprechend wurde Christus dem Spott der Schriftgelehrten ausgesetzt. So können wir sehen, welche Narren wir sind, wenn wir Gott spielen wollen, und wie wenig unsere Vernunft auszurichten vermag.
  7. Böhme zieht die Parallele zwischen Adam, der statt des himmlischen, unstofflichen Körpers („englischen Leib“ – bei Böhme immer bezogen auf engelhaft, nicht England) den „schweren tölpischen Leib tragen“ musste, und Christus, der das schwere Holzkreuz selbst tragen musste.
  8. Adam verband sich mit der Erde, nahm irdische Eigenschaften an („grimmige Essentien Gottes Zornes“) und wurde dadurch sterblich: „Welches Tages du issest vom Baum der Erkenntnis Gutes und Böses / sollst du des Todes sterben (verstehe den Tode im Fleische / auch noch im irdischen Leben)“. Dem entsprach die Kreuzigung Christi: die Nägel durch Hände und Füße und der Gang in den Tod.
  9. Als Hilfe im irdischen Leben trägt der Mensch das Licht Gottes in sich, das in einer Kreuz-Geburt wirksam werden kann. Beim Abstieg in den groben Stoff wurden die Geschlechter getrennt: „also hat das Weib das halbe Kreuz / und der Mann die andere Hälfte“. Dieses Kreuz ist im Haupt angelegt („welches du im Hirnschädel findet magst“) – ein deutlicher Hinweis, die äußere Symbolik nicht historisch zu verstehen, sondern auf das eigene Leben, den eigenen Körper (der ein Tempel Gottes sein soll) zu beziehen. Der äußere Christus musste am Kreuz sterben, um an diesem Kreuz den Tod zu überwinden.
  10. Weitere Parallele: So wie Adams Seele zwischen zwei bösen Reichen schwebte – dem Reich dieser Welt und der Hölle – so hing Christus zwischen zwei Mördern schwebend am Kreuz. Christus musste alles aufbauen, was Adam verloren hatte.
    So wie sich ein Mörder neben Christus bekehrte, so muss sich das eine Reich, nämlich der irdische Mensch, umkehren und wieder in Christus eingehen.

Zur Übersicht über spirituelle Sachbücher

Recent Related Posts

Freue mich über Kommentare!