Das Reich der Seele: Bob Dylan, Shelter from the Storm

Bob Dylans Shelter from the Storm kennzeichnet für mich zwei Lebensfelder: die uns wohlbekannte Welt der Gegensätze, der Kämpfe, der Verzweiflung einerseits, und die unantastbare Welt der lebenden Seele andererseits. Ich sehe darin einen Weg von der Grenzerfahrung in der Welt hin zu einem neuen, auf der unsterblichen Seele gegründeten Lebenszustand. Der Song wurde 1975 auf Blood on the Tracks veröffentlicht, das auch Perlen wie Tangled Up in Blue und If You See Her, Say Hello enthält.

Bob Dylan, Shelter from the Storm live 1976

Was auch passiert, jede Strophe endet mit Come in, she said / I’ll give ya shelter from the storm. Es gibt eine Zuflucht, die uns immer offen steht. Wenn wir uns mit dem unsterblichen Seelenkern in uns verbinden, haben wir Anteil an einem Feld, das weit über alles Irdische hinausweist.

Der vom Leben gezeichnete Grenzgänger

‚Twas in another lifetime, one of toil and blood
When blackness was a virtue the road was full of mud
I came in from the wilderness, a creature void of form
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

Der Sprecher ist arg gezeichnet vom Leben (toil and blood – Mühsal und Blut), in dem die falschen Werte zählen („Schwärze war eine Tugend“). Man kann den Song als eine Rückschau auf einen früheren Seinszustand verstehen (It was in another lifetime).

And if I pass this way again, you can rest assured
I’ll always do my best for her, on that I give my word
In a world of steel-eyed death, and men who are fighting to be warm
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

Er verspricht, sich immer für „sie“ einzusetzen – für mich ein Hinweis auf die Seele, an die er sich in der Welt der absurden Kämpfe hingibt.

Not a word was spoke between us, there was little risk involved
Everything up to that point had been left unresolved
Try imagining a place where it’s always safe and warm
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

Diese Hingabe ist immer möglich, wenn die innere Reife dazu vorhanden ist. Wer noch das Gefühl hat, irdische Angelegenheiten vorziehen zu müssen, verschiebt den Weg nach innen (everything … left unresolved – alles [Irdische] bleibt verworren). Der Seelenzustand dagegen ist frei von und unangreifbar für weltliche Irrungen und Wirrungen (always safe and warm).

I was burned out from exhaustion, buried in the hail
Poisoned in the bushes an‘ blown out on the trail
Hunted like a crocodile, ravaged in the corn
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

Was für starke Bilder – der Sucher ist völlig abgekämpft und hat die Grenze erreicht, an der er das Glück auf einer anderen, innerlichen Ebene sucht. Die Welt kann der reifen Seele nichts mehr bieten.

Kontakt zur unsterblichen Seele

Suddenly I turned around and she was standin‘ there
With silver bracelets on her wrists and flowers in her hair
She walked up to me so gracefully and took my crown of thorns
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

Nun hat er sich so weit von allen weltlichen Wünschen verabschiedet, dass Raum in ihm frei wurde für die unsterbliche Seele. Erstmals nimmt er sie deutlich wahr. Die Dornenkrone ist ein Verweis auf den Kreuzigungsweg Jesu.

Now there’s a wall between us, somethin‘ there’s been lost
I took too much for granted, I got my signals crossed
Just to think that it all began on an uneventful morn
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

Die erste Berührung reicht nicht aus, um einen neuen Lebenszustand dauerhaft zu verankern. Er verliert den Kontakt wieder, da er sich noch nicht genügend auf die feinen Seelenimpulse abstimmen konnte (got my signals crossed).

Der unspektakuläre Beginn (uneventful morn) zeugt von der für Bob Dylan so typischen Nüchternheit in spirituellen Belangen, die sich zum Beispiel auch in dem Einweihungslied Isis zeigt.

Der Kontrast zwischen Seelenwelt und irdischer Welt wird immer deutlicher erfahren

Well, the deputy walks on hard nails and the preacher rides a mount
But nothing really matters much, it’s doom alone that counts
And the one-eyed undertaker, he blows a futile horn
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

Das Irdische verliert aus der Perspektive der Seele an Bedeutung: der Stellvertreter „läuft auf harten Nägeln“, der Prediger reitet, der einäugige Bestatter bläst ein (flüchtiges oder feudales? Dylans Aussprache klingt mehr nach feudal statt futile) Horn – was zählt, ist nur das Schicksal. Bleibt der Sucher in diesem absurden Leben gefangen, oder tritt er ein in das Reich der lebenden Seele?

I’ve heard newborn babies wailin‘ like a mournin‘ dove
And old men with broken teeth stranded without love
Do I understand your question, man, is it hopeless and forlorn
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

Noch einmal geht es um das schier hoffnungslose Leid in der Welt, illustriert am Beginn und Ende des Lebens: heulende Babies und alte Männer mit zerbrochenen Zähnen, gestrandet ohne Liebe. Findet er die darüber hinaus führende Ausrichtung; versteht er die Frage, die ihm das Leben stellt, richtig; bleibt alles hoffnungslos und verloren? Der Stellenwert, der der Frage an dieser Stelle zukommt, mag an Parzival erinnern. Erst, als dieser die richtige Frage zu stellen vermag („Oheim, woran leidest Du?“), ist er des Grales würdig.

Weiterhin lädt die Seele den Sucher ein, in ihr Energiefeld einzutreten und sich ihr anzuvertrauen. Das erinnert mich an Love in Vain vom 1978er Album Street Legal.

Die Nachfolge Jesu – Erlösung und Abschied vom Irdischen

In a little hilltop village, they gambled for my clothes
I bargained for salvation and she gave me a lethal dose
I offered up my innocence I got repaid with scorn
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

Das Würfeln um die Kleider verweist wieder auf Jesus. Interessant die Ich-Perspektive: Dylan betet Jesus nicht an wie einen weit entfernten Heiligen der Vergangenheit, sondern identifiziert sich mit dem Weg, den Jesus exemplarisch vorgelebt hat, und erfüllt den Auftrag, ihm nachzufolgen. Die Erlösung der Seele bedeutet den Tod der an die Welt gebundenen Anteile in ihm: er erhält eine „tödliche Dosis Erlösung“. Die Reinheit der Seele (Unschuld) erfährt in der Welt Verachtung (scorn). Jesus wird nicht erkannt und verspottet. Jakob Böhme hat eindrucksvoll beschrieben, warum Jesus Christus so leiden musste. Dylan hat selbst erlebt, was es bedeutet, sich konsequent zu Jesus zu bekennen – etwa bei seinen Auftritten im Warfield Theatre in San Francisco im November 1979. Dort spielte er ausschließlich seine neuen christlichen Songs und hielt dem massiven Druck der Fans und Veranstalter statt, erhielt sogar Morddrohungen (siehe Bob Dylan – A Spiritual Life von Scott M. Marshall). Wie die Welt mit Menschen umgeht, die sich zu Jesus bekennen, ist auch dem Dylan-Song Property of Jesus vom 1981er-Album Shot of Love zu entnehmen.

Der Schritt über die Grenze

Well, I’m livin‘ in a foreign country but I’m bound to cross the line
Beauty walks a razor’s edge, someday I’ll make it mine
If I could only turn back the clock to when God and her were born
Come in, she said
I’ll give ya shelter from the storm

Die letzte Strophe verweist auf den Ausweg. Als Seelengeborener erfährt er die Fremdlingschaft in der Welt (foreign country) und weiß, dass er zu einem anderen Zustand gerufen ist (bound to cross the line). Interessant das Bild von der Schönheit, die auf der Rasierklinge wandelt: irdisch gesehen, ist sie vergänglich, relativ, an ihren Gegenpol, die Hässlichkeit gebunden. Auf der Seelenebene gibt es Schönheit ohne Gegenpol, rein und klar. Sie „mein zu machen“ hat nichts mit Egoismus oder Besitzanspruch zu tun, sondern verweist auf eine Verinnerlichung. Die so verankerte Schönheit muss nicht mehr im Außen gesucht werden.

Abschließend bleibt nur ein Wunsch: zu dem unbefleckten ursprünglichen Zustand zurückzukehren – er möchte „die Uhr zurückdrehen zu der Zeit, als Gott und ’sie‘ geboren wurden“. Und ein letztes Mal lädt ihn die Seele ein, in diesen Zustand einzutreten.

Bill Murrays Hommage an Bob Dylan

Hier noch eine interessante Version mit Bill Murray aus dem Abspann des Films St. Vincent. Ich kann absolut nachvollziehen, wenn man damit nichts anfangen kann. Für mich eine herrliche Szene, wenn man bedenkt, welch ein ausdrucksstarker Song hier verarbeitet wird. Die Banalität des äußeren Geschehens bildet einen interessanten Kontrast zum Bilderreichtum des Songs und dem herrlichen Ziel. Das Wasser auf den staubigen Boden und die tote Pflanze (samt der herabhängenden Nationalflagge) könnte ein Bild für die erhabenen Seelen-Energien sein, die sich in die irdische Wüste herabsenken. In der Absurdität seiner Lage klammert sich der Protagonist an die Hoffnung des Seelenlichtes.

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