Spiritueller Hip-Hop: Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi – Oha

2013 erschien das sehr hörenswerte Album Expedition ins O von Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi. Im Song Oha geht es auf sehr zeitgemäße Weise um ein altes Thema: Die Auflösung des Ichs, indem die Identifikation mit dem Verstand preisgegeben wird.


Es folgt die Geschichte von meinem Verstand,
Wie er mir abhanden kam und wie ich ihn dann wiederfand

Bewusstsein geht weit über den Verstand hinaus

Der Erzähler spricht mit seinem Verstand – das heißt die Identifikation ist bereits durchbrochen, er kann seinen Verstand wie von außen beobachten – und umgekehrt. Der Verstand ist kein Gegenspieler, er versucht nicht den alten Zustand aufrecht zu erhalten – im Gegenteil, die Initiative ging vom Verstand selbst aus:

Ich verlor den Verstand an einem Sommernachtsstrand,
Und seit dem hängt der da, singt Kumbaya am Lagerfeuer,
Ich hätt ihn gern zurück doch er sagt „Du bist gefeuert“,

Solange er das Bewusstsein bestimmt, lenkt der Verstand ab, teilt ein, trennt – und verhindert das Empfinden des Eins-Seins. Doch das muss nicht so bleiben:

Ich frage, wie gefeuert, wie geht das, versteh ich nicht,
Er sagt „Natürlich nicht, kein Verstehen ohne mich“,
Ich sage, toll, wie soll ich denn das jetzt verstehen,
Er sagt „Ganz einfach: keine Schlüsse mehr ziehen“,
Ich sag was nicht mehr ziehn, „Na keine Schlüsse mehr ziehen,
Unter keinen deiner Thesen einen Schlusstrich ziehen,
Denn – wer Schlüsse zieht kann das Licht nicht sehen,
Verstand lenkt ab du musst ins Unbekannte gehen,
Wo noch nie eine Person zuvor war,
In das Land ohne Namen namens: OHA“.

Ein anschauliches Beispiel dafür, wie ein trainierter Verstand mit seinem Fundus an Erfahrungen und Annahmen die genaue Wahrnehmung einer Situation verhindern kann, liefert der Film Interstate 60 mit dem „Spielkarten-Test“ in der Krankenhaus-Szene. Kinder ohne Vorwissen bestehen den Test – Erwachsene, die sich mit Kartenspielen auskennen, in aller Regel nicht.

Unpersönlich / Überpersönlich

Oha – ein Ausdruck des völligen Gewahr-Seins im Augenblick? Viele Menschen sind schon zu diesem Bewusstseinszustand durchgebrochen – warum heißt es „Wo noch nie eine Person zuvor war“? Hält sich Käptn Peng für den Pionier? Einen überheblichen Eindruck macht er nicht auf mich. Wohl eher ein Hinweis auf den unpersönlichen, oder besser überpersönlichen Charakter dieses Zustandes. „Denn es ist kein Ansehen der Person vor Gott“, heißt es in der Bibel (Römer 2:11). Der göttliche Anteil des Menschen liegt nicht in der Persönlichkeit, sondern in einem latenten Samen aus dem Höheren, der wieder erwachen und wachsen kann.

Die Identifikation löst sich auf

Verstand is für Anfänger steh jetzt bitte deinen Mann,
Also Stützräder ab und Leinen los, gibt dir nen Stoß
Du bist der Fluss, nicht das Floß,
Du bist alles was du siehst und du bist nichts von alledem

Diese Situation erinnert an die herrliche Aufzug-Szene im Film Revolver, in der Jake seine Angst konfrontiert und plötzlich erkennt, dass er nicht die Stimme in seinem Kopf ist. Dieser Wesensanteil in ihm wird immer nervöser, doch Jake hört konsequent nicht mehr auf ihn, bis die Stimme schließlich verstummt.

Käptn Peng beschreibt einen Erfahrungsprozess, in dem er zunächst die Orientierung verliert: alte Sicherheiten sind weg, zunächst ist noch keine neue Klarheit an ihre Stelle getreten. Das Verstandes-Ich mag zwar schweigen, doch es ist noch da. Eine wirkliche Transformation steht an, und die ist einschneidend. Sie beginnt, als er sich ganz dem neuen Werden hingibt.

Der Untergang des alten Ich

Und plötzlich wurde es still um mich, ich wusste ich muss sterben,

Es war so schrecklich und so wunderbar.

Denn alle meine Ängste wurden plötzlich zum Zyklon,
Sie wirbelten um mich rum, nichts würden sie verschon,
Kein Stein auf dem andern, alles brach in sich zusamm,
Es war der gottverfluchte Untergang!
Alles verschob sich und zerriss in 1000 Stücke,
Und mittendrin mein Ich ohne Anker ohne Brücke …

Um dauerhafter Bewohner des „Landes ohne Namen namens: OHA“ zu werden, muss der alte Lebenszustand nicht nur schweigen, sondern fundamental sterben. Dieser mystische Tod (Paulus spricht vom „täglichen Sterben“ auf dem Weg) hat nichts mit dem Tod des stofflichen Körpers zu tun. Wenn es gut steht, erfolgt der mystische Tod viel früher – dann kann der so transformierte Mensch den Stoffkörper weiter als Werkzeug nutzen und andere auf ihrem Weg ermutigen.

In den Fluss des Lebens eintauchen

Die unpersönliche Hingabe an das Leben, das Leer-Werden und das Abstimmen des eigenen Schwingungsschlüssels auf einen neuen Zustand, das Land OHA, gipfelt in der Erkenntnis:

Ich löste mich auf, wurde leer und bloß,
Und verstand, mein Gott, ich bin der Fluss, nicht das Floß!

Das Bild vom Fluss erinnert an Hermann Hesses Siddharta. Zum Leer-Werden siehe den Beitrag über Gisbert zu Knyphausens Morsches Holz.

Am Ende steht das Verstehen – der Mensch ist nicht verrückt geworden oder lebensunfähig; er hat lediglich den Verstand an den Platz gesetzt, an den er gehört. Der Verstand ist ein Helfer, kein König; er verarbeitet Impulse der Seele.

Ähnliche Hinweise über die Rolle des Verstandes finden sich in Helena Blavatskys Stimme der Stille.

Zur Übersichtsseite: Spirituelle Impulse in der Rock- und Popmusik (jetzt mit Hip-Hop, wenn es denn unbedingt Schubladen sein müssen).

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