Fahrt ins Leben bringen mit der spirituellen Entscheidung: Meyrinks „Grünes Gesicht“

Viele Sucher haben im Laufe der Jahrhunderte diese Erfahrung gemacht: Wenn sie sich fest entschlossen auf den Weg machen, den tiefen Sinn ihres Lebens zu ergründen und dafür weltliche Ziele zurückstellen, kommt Fahrt in ihr Leben.

Gustav Meyrink hat diesen kritischen Punkt im Leben in dem Roman Das Grüne Gesicht (erschienen 1917) eindrucksvoll auf den Punkt gebracht. Eva spricht in der folgenden Szene aus dem fünften Kapitel mit dem greisen, etwas skurrilen Schmetterlings-Sammler Swammerdam. Hier ist nichts von dem weltlichen Einerseits – Andererseits, von dem vorsichtigen Abwägen, hier geht es um eine klare Entscheidung:

Gustav Meyrink ca. 1886
Gustav Meyrink ca. 1886; Quelle: Wikimedia Commons

„Und Sie glauben, wenn ich Gott rufe, wie Sie sagen, wird sich mein Schicksal verändern?“

„Sofort! Nur wird es sich nicht <verändern>, es wird werden wie ein galoppierendes Pferd, das bis dahin im Schritt gegangen ist.“

„Ist IHR Schicksal denn so im Sturm abgelaufen? Sie verzeihen die Frage, aber nach dem, was ich über Sie gehört habe – „

„Ist es sehr eintönig dahingeflossen, meinen Sie, Mejufrouw“, ergänzte Swammerdam lächelnd. „Erinnern Sie sich, was ich Ihnen vorhin gesagt habe?: <Blicken Sie nie auf andere.> – Der eine erlebt eine Welt, und dem andern erscheint’s eine Nußschale. Wenn Sie im Ernst wollen, dass Ihr Schicksal galoppiert, müssen Sie – ich warne Sie davor und rate es Ihnen zugleich, denn es ist das einzige, was der Mensch tun soll, und gleichzeitig das schwerste Opfer, das er bringen kann! – müssen Sie Ihren innersten Wesenskern, DEN Wesenskern, ohne den Sie eine Leiche wären, (und sogar nicht einmal das), anrufen und Ihm – BEFEHLEN, dass Er Sie den kürzesten Weg zu dem großen Ziel führt, – dem einzigen, das des Erstrebens wert ist, so wenig Sie es jetzt auch erkennen, – erbarmungslos, ohne Rast, durch Krankheit, Leiden, Tod und Schlaf hindurch, durch Ehren, Reichtum und Freude hindurch, immer hindurch und hindurch wie ein rasendes Pferd, das einen Wagen vorwärts reißt über Äcker und Steine hinweg und an Blumen und blühenden Hainen vorbei! Das nenne ich: Gott rufen. Es muss sein wie ein Gelöbnis vor einem lauschenden Ohr!“

Zu dieser fundamentalen Entscheidungssituation siehe auch den Beitrag Matrix: Rote oder blaue Pille? / Entscheidung bei Gustav Meyrink.

Zum Beten bei Meyrink vergleiche Das rechte Gebet: Der weise Rabbi in Meyrinks „Engel vom westlichen Fenster“.

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