Johannes Anker Larsen: Der Kandidat

Johannes Anker Larsen

Johannes Anker Larsen

Der dänische Schriftsteller Johannes Anker Larsen (1874 – 1957) verstand es ähnlich wie Hermann Hesse, mit einer einfachen, klaren Sprache von erneuernden Seelenimpulsen zu zeugen. (Hesse kannte und schätzte Larsen.) Dies gelang ihm zum Beispiel in Der Kandidat, einem Büchlein, das auf knapp 70 Seiten zwei Novellen enthält. Sie handeln auf unterschiedliche Weise vom Tod, der hier mit keinerlei Schrecken verbunden ist – eher mit der Befreiung von einer Last.

Der Kandidat

Es beginnt mit dem Begräbnis des Kandidaten. Der Erzähler erhält ein Buch aus dessen Nachlass. Es erzählt von der unerschütterlichen Ruhe, die der Kandidat gefunden hat in dem „großen Mitwissenden“, in dem sein Ego aufgeht.

Blumen des Paradieses

In der zweiten Novelle, Blumen des Paradieses, wird deutlich, dass es ein Sterben gibt, das lange vor dem Tod des Stoffkörpers erfolgen kann. Der Kandidat spricht dort zu dem sterbenskranken, aber zufrieden-heiteren Pfarrer Lundsgaard:

„[…] ich bin für das vergängliche Leben tot. Ich ruhe in einem ewigen Jetzt, in dem Gott Liebe ist; alle Zwecke münden in diese Liebe ein.“

 

Zwecke, Seelenwachstum und der Baum des Lebens

Der Kandidat beschreibt, wie die Fixierung auf Zwecke den Menschen von der Wahrnehmung des Unvergänglichen trennt:

„Warum sehen wir das so selten, solange wir leben?“ sagte er [Pfarrer Lundsgaard] nach einer kleinen Pause. „Was nimmt unserem Auge das Licht?“

„Unsere Zwecke“, sagte der Kandidat. […]

„Unsere Zwecke sind unser vergängliches Leben. Wir sehen nicht die Welt, in der wir leben. Wir sehen nur das, was unseren Zwecken dient und was ihnen im Weg steht. Die Dinge sind für uns verkleidet.“ […]

„Adam und Eva“, fuhr der Kandidat fort, „wurden niemals aus dem Garten Eden vertrieben. Sie sind noch dort. Aber sie können ihn nicht sehen. Nicht die Frucht vom Baum der Erkenntnis verursachte ihr Unglück. Es geschah, bevor sie die Frucht aßen. Es entstand, als sie sich vornahmen, den Apfel zu stehlen. Da schämten sie sich voreinander und verbargen ihren Körper – und ihre Gedanken. Aber ihr Wille zu verbergen wurde ein Schleier vor dem Garten Eden. Sie sahen über ihn hin, und er war die Erde geworden. – Misstrauen, Feindschaft, Mord entstanden aus einander widerstreitenden Zwecken.

Nun leben die Menschen auf Erden, und ihre Zwecke sind ihr Leben geworden. Wer aber über seine Zwecke hinauswächst, wessen Zwecke Mittel für sein Wachstum werden, wer sich über nichts zu schämen und keine Gedanken zu verbergen hat – der sieht das Paradies wieder überall; denn zwischen ihm und dem Leben liegt kein Hindernis. An Stelle von Kenntnissen hat er Weisheit. Er sitzt unter dem Baum des Lebens.“

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