Ein gnostisches Oster-Geschehen

1616 erschien die Chymische Hochzeit des Christiani Rosencreutz Anno 1459 als dritte der drei Rosenkreuzer-Schriften. 1614 war bereits die Fama Fraternitatis, der Ruf der Rosenkreuzer-Bruderschaft, erschienen, der 1615 die Confessio Fraternitatis, das Bekenntnis der Rosenkreuzer-Bruderschaft, folgte. Die drei Schriften entstanden im Rahmen des sogenannten Tübinger Kreises, einer Gelehrten-Gruppe um Tobias Heß, Christoph Besold und Johann Valentin Andreae.

Die Alchimische Hochzeit des Christian Rosenkreuz

Die Chymische Hochzeit wird Andreae zugeschrieben. In ihr offenbart sich ein anderes als das damals und heute übliche Oster-Verständnis. Sie beginnt so:

Johann Valentin Andreae

Die „Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz Anno 1459“ wird Johann Valentin Andreae zugeschrieben

„An einem Abend vor dem Ostertag saß ich an einem Tisch und hatte mich meiner Gewohnheit nach mit meinem Schöpfer in einem demütigen Gebet genügend besprochen und über viele große Geheimnisse – deren mich der Vater des Lichtes in seiner Majestät nicht wenige hatte sehen lassen – nachgedacht.

Nun wollte ich mir mit meinem lieben Osterlamm einen ungesäuerten, reinen Kuchen in meinem Herzen zubereiten, da erhob sich plötzlich ein solch grausamer Wind, dass ich meinte, es würde der Berg, in den mein Häuschen gegraben war, vor der großen Gewalt zerspringen müssen. Da mich aber solches vom Teufel, der mir manches Leid angetan hatte, nicht überraschte, fasste ich Mut und blieb in meiner Meditation, bis mich – was ich nicht gewohnt war – jemand am Rücken berührte, wovon ich dermaßen erschrak, dass ich mich kaum umzusehen wagte, jedoch blieb ich so zuversichtlich, wie menschliche Schwachheit bei dergleichen Dingen sein kann. Und als mich jemand wiederholt am Rock zupfte, sah ich mich um, da war es ein schönes, herrliches Weib, dessen Kleid ganz blau und wie der Himmel prächtig mit goldenen Sternen übersät war. In der rechten Hand trug es eine goldene Posaune, darauf ein Name eingraviert war, den ich wohl lesen konnte, der mir aber später zu offenbaren verboten wurde.

In der linken Hand hatte die Frau ein großes Bündel Briefe in allerlei Sprachen, die sie, wie ich später erfuhr, in alle Länder tragen musste. Sie hatte aber auch große, schöne Flügel, überall mit Augen versehen, mit denen sie sich aufschwingen und schneller als ein Adler fliegen konnte. Ich hätte wahrscheinlich noch mehr an ihr bemerken können. Aber weil sie so kurz bei mir blieb und ich noch voller Schreck und Verwunderung steckte, muss ich es so sein lassen. Denn sobald ich mich umgewandt hatte, blätterte sie ihre Briefe hin und her und zog endlich ein kleines Brieflein hervor, welches sie mir mit großer Ehrerbietung auf den Tisch legte, worauf sie ohne ein einziges Wort von mir wich. Im Aufschwingen aber stieß sie so kräftig in ihre schöne Posaune, dass der ganze Berg davon widerhallte und ich fast eine Viertelstunde danach noch mein eigenes Wort kaum hören konnte.“

Esoterische Analyse der Alchimischen Hochzeit

Einer der Gründer der Geistesschule des Goldenen Rosenkreuzes, Jan van Rijckenborgh (Jan Leene), legte eine ausführliche esoterische Analyse dieses Werkes vor, indem er die Geschehnisse als Einweihungsweg deutet.

Aus gnostischer Sicht sind Geschehnisse wie der „grausame Wind“, der „an einem Abend vor dem Ostertag“ plötzlich aufkam, weder an einen bestimmten Kalendertag gebunden noch äußerliche Heimsuchungen – alles findet im Kandidaten selbst statt, sobald er innerlich dazu gereift ist. Hier einige Worte aus „Die alchimische Hochzeit des Christian Rosenkreuz, Band 1“:

Die alchimische Hochzeit des Christian Rosenkreuz 1„Die Erzählung beginnt an einem Abend vor Ostern. Damit muss jede derartige Erzählung beginnen. Ostern ist das Auferstehungsfest. Es wird um den 21. März gefeiert, wenn die Sonne in das Zeichen des Frühlings eintritt. Man kann deshalb dieses Auferstehungsfest allein als eine Wiederherstellung der Natur sehen. Der Winter ist vorüber, der Frühling ist gekommen. Und deshalb feiert man ein Fest, bereits seit Millionen Jahren. […]

In unserer Zeit feiert man das Osterfest in den verschiedenen Kirchen mit vielen Reden über die Auferstehung Christi. Doch all diese Menschen in der Kirche denken dabei entweder an eine historische Tatsache: ‚Vor langer Zeit ist Christus vom Tod auferstanden‘, oder im Hintergrund ihres Bewusstseins an das wartende Korinthenbrot, die Eier, leckere Mahlzeiten usw. Alle werden also von einem Naturgeschehen ergriffen, dem sich niemand entziehen kann.

Der Auftakt zur alchimischen Hochzeit beabsichtigt aber etwas völlig anderes. Jeder Mensch ist unaufhörlich beschäftigt, sich auf ein Auferstehungsfest vorzubereiten. Jeder Mensch bereitet sich auf die Zukunft vor und träumt von einer Zukunft, die also rein dialektisch, gesellschaftlich gesehen wird. Er muss es so sehen, weil er nun einmal hier ist. Er befindet sich in dieser Welt, und da es eine zeiträumliche Welt ist, muss jeder Mensch sich täglich auf eine Zukunft vorbereiten. Das Gestern hat sich in das Heute verwandelt, das Heute wird sich in wenigen Stunden in das Morgen verändern. Dem entkommt man nicht. Wenn man aber nichts anderes besitzen würde als diese Zukunftserwartung in der zeiträumlichen Welt, wäre man doch bettelarm.

C.R.C. spricht nicht einmal über diese alltägliche Auferstehung; er ist auf die Auferstehung im neuen Lebensfeld gerichtet, auf das ursprüngliche Leben, auf das die moderne Geistesschule gerichtet ist. Wenn ein Mensch dieses Verlangen hat, ist tatsächlich jeder Tag ‚der Abend vor Ostern‘. […]

Nachdem ein Schüler den allgemeinen Ruf gehört hat, geht es also darum, sich auf [den] persönlichen Ruf vorzubereiten. Diese persönliche Vorbereitung nun nennt C.R.C. ‚samt seinem Osterlamm einen ungesäuerten, reinen Kuchen zubereiten.'“

Manifeste der Rosenkreuzer Bruderschaft / Die alchimische Hochzeit des Christian Rosenkreuz I: Esoterische Analyse der Chymischen Hochzeit Christiani Rosencreutz anno 1459, Erster Teil

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