Räderwerk Gottes, Ewigkeitsmaschine, Stein der Weisen

Das Bild „Flammarion“ fasziniert mich seit langem. Innerlich empfinde ich sehr deutlich: Es gibt eine Welt, die weit über unseren sichtbaren Lebenshorizont hinausreicht, über Tag und Nacht, Leben und Sterben, den Wechsel von Licht und Dunkelheit. Ich empfinde eine Sehnsucht nach dieser Weite, einen Bezug dazu, auch wenn ich mit meinem Körper aus stofflichen Molekülen nicht aus diesem Lebensfeld (zu dem ich auch den Weltraum der Kosmonauten / Astronauten zähle) hinausgelangen kann. Ich weiß: Diese für meine stofflichen Augen unsichtbare Welt wird vom unvergänglichen Räderwerk Gottes bestimmt.

Mensch schaut aus dem Horizont dieser Welt hinaus ins Räderwerk Gottes. Camille Flammarion, L'Atmosphere: Météorologie Populaire (Paris, 1888), p. 163
Quelle: Wikimedia Commons
Das Räderwerk Gottes: Camille Flammarion, L’Atmosphere: Météorologie Populaire (Paris, 1888), p. 163; Quelle: Wikimedia Commons

Anker Larsen: Der Stein der Weisen

In Anker Larsens Roman „Der Stein der Weisen“ geht es in erster Linie um den Einweihungsweg der drei Hauptfiguren Jens Dahl, Barnes und Holger. Es gibt jedoch auch sehr interessante Nebenfiguren, die ebenfalls prägende Erfahrungen durchleben. Eine davon heißt Kjellström, ein inspirierter Bastler. Wie Dahl schließt er sich der Theosophischen Gesellschaft an. Er verfällt der fixen Idee, eine Ewigkeitsmaschine zu bauen.

Die Ewigkeitsmaschine

Es begann mit einer erstaunlichen Kreation: Aus einfachen mechanischen Teilen baute er eine Maschine, die ohne Motor oder Energiezufuhr von außen einige Sekunden durch den Raum gehen konnte – bevor sie auseinander fiel.

Ein Ingenieur, herbeigerufen von einem Freund, wollte das nicht glauben, bis er es mit eigenen Augen sah. Er kümmerte sich darum, Kjellström besseres Material zu besorgen. Kjellström verfiel der Idee der Ewigkeitsmaschine immer mehr, sie wurde größer und größer, dominierte sein Leben. Er baute und baute, und immer fehlte noch ein Rad.

Jens Dahl besucht Kjellström – erstaunlich, wie gut die folgende Szene zum obigen Bild passt:

„Wie geht es mit der Maschine?“ fragte Dahl.

„Dort steht sie“, sagte Kjellström.

Ja, da stand sie, groß und bedrückend; in dumpfer, toter Stille stand sie da und fraß den ganzen Raum. Es lag ein solch dumpfes Schweigen in der Luft, dass es fast naturwidrig schien, hier zu sprechen. Dahl musste sich zwingen, etwas zu sagen.

„Wann, glauben sie, wird sie gehen?“ fragte er.

Kjellström schwieg eine Weile.

„Genau kann ich das nicht sagen“, sagte er nach reiflicher Überlegung, „aber lange kann es nicht mehr dauern. Es fehlt nur noch ein Rad. Wenn ich das finde, geht sie.“

„Glauben Sie, dass Sie es finden werden?“ fragte Dahl.

„Ich weiß es“, antwortete Kjellström ruhig. „Ich habe es gesehen – das Rad, das fehlt.“

„Aber wenn sie es gesehen haben -„, begann Dahl, doch Kjellström unterbrach ihn:

„Ich habe es in mir gesehen. Ich kann es noch nicht draußen sehen, aber ich werde es sehen.“

„Glauben Sie?“

„Ich weiß es. – Glauben Sie nicht, dass ich ein Verrückter bin, der nur Rad an Rad fügt und auf diese Weise eine Ewigkeitsmaschine macht, die in Ewigkeit nie fertig wird. Eine Ewigkeitsmaschine lässt sich nicht denken. Das hat die Wissenschaft bewiesen.
Aber wenn sie nun geschaut werden kann?
Ich habe sie mit den Augen des Geistes gesehen.

„Wie sehen Sie sie denn?“ fragte Dahl.

„Ja, wenn ich Ihnen das mit Gedanken und Worten erklären könnte, die aufeinander folgen und sich ergänzen – dann könnte ich ja die Maschine fertig machen. Aber ich kann Ihnen sagen, wie ich vorgehe und wann ich sie gesehen habe. Dann werden Sie vielleicht glauben, dass ich nicht verrückt bin.

Ich versenke mich tief in mich selbst – tiefer und tiefer, bis ich unter den Platz gelange, wo die Gedanken in Reihenfolgen hintereinander wandern. Ich fahre fort, mich zu versenken, bis ich einen Punkt erreiche, wo ich nichts weiter weiß, als dass es keine Grenzen gibt.

Da beginnt ein Bewusstsein zu erwachen, von dem ich nicht weiß, ob es meines oder das des Weltalls selbst ist.

Und da nehme ich den wunderbaren Mechanismus des Universums wahr.

Und ich zögere, bleibe dort, bis ich die Maschine sehe.

Ich sehe sie fertig, ganz.

Und es ist keine Trennung zwischen ihr und mir.

Und wenn ich dann mit ihr in meine Seele zurückkehre und auf den Platz gelange, wo die Gedanken gewandert kommen, einer nach dem andern, und viele an der Zahl, wie Arbeiter in einer Fabrik – dann zerfällt die Maschine auf einen Schlag in all ihre einzelnen Teile.

Und die Gedanken fangen an, sie zu sammeln. Jeder Gedanke nimmt seinen Teil.

Und wenn ich dann alle diese Teile sammeln soll – dann ist immer ein Rad unterwegs verloren gegangen. Und ich weiß nicht, ob es groß oder klein ist; auch nicht, wo es sitzen soll.“

„Halten Sie es nicht für das Beste, die Maschine aufzugeben?“ frage Dahl vorsichtig.

„Kann ich das?“ fragte Kjellström. „Kann ich aufhören, ich zu sein? Kann ich mit einer anderen Stimme als meiner eigenen sprechen?

Die Maschine, das bin ich!

Sie wird gehen, sie wird ganz ans Tageslicht kommen – oder ich werde selbst eines Tages mit ihr zusammenfallen, wenn ich zu dem Platz zurückkehre, wo die Gedanken einer nach dem anderen in einem Zusammenhang wandern, der dann vielleicht auch unterbrochen ist und zusammenfällt.

Aber ich weiß, dass es mir gelingen wird. Denn ich habe gehandelt wie die Heiligen. Ich habe alles geopfert. Ich habe gehandelt wie Buddha. Ich habe allen Genuss und alles Vergnügen aufgegeben. Ich habe Frau und Kinder und Heim verlassen, um mich meiner Maschine zu widmen.

Ich weiß, dass es mir gelingen wird.“

Dahl sah, dass es für Kjellström keine Rettung gab. Die Maschine hatte ihn verschlungen. […]

Anker Larsen, Der Stein der Weisen, BD. 2,, Kap. 20

Räderwerk Gottes – Ewigkeitsmaschine: Wo ist das fehlende Rad?

Diese Szene finde ich schon genial geschrieben. Anker Larsen zeugt von einer geistigen Schau, die sich hinter dem irdischen Denken öffnet. Doch der Held scheitert, als er sie in der stofflichen Welt umsetzen will. Sie ist wohl nicht für die Welt gedacht – zumindest nicht so …

Doch Anker Larsen geht noch weiter. Es gibt eine sehr tiefgehende, erstaunlich konkrete Lösung für das Problem des fehlenden Rades.

Dahl gerät auf seinem eigenen Weg in arge Schwierigkeiten. Niedergeschlagen besucht er Kjellström erneut:

Mit dem beklemmenden Gefühl, dass eine böse Macht an Kjellströms und Sophus Petersens und auch an seinem eigenen Untergang arbeitete, ging er über den Bauplatz nach dem Schuppen hinüber.

Da stand die Maschine, groß und tot. Auf dem dreibeinigen Schusterschemel saß Kjellström und betrachtete sie mit einem stillen Lächeln. Der Blick ruhte auf dem großen Ungeheuer mit dem Ausdruck eines Schachspielers, der den Gegner gerade in dem Augenblick mattgesetzt hat, als dieser das Spiel gewonnen zu haben glaubte.

„Wie geht es mit der Maschine voran?“ fragte Dahl.

Kjellström sah ihn an, die Augen leuchteten in einer seltsamen Mischung von Scharfsinn und Schalkheit.

„Es geht gut“, sagte er.

„Und?“ fragte Dahl. „Geht sie?“

Kjellström lächelte ruhig: „Nein, sie geht nicht.
Sie kann nicht gehen.
Und sie soll auch nicht gehen können.

Das ist das Geheimnis, das ich ergründet habe.“

Er lachte ein kleines verschmitztes Lachen, weil er sehen konnte, dass Dahl jetzt meinte, der Verstand habe ihn verlassen.

„Ich habe Ihnen früher einmal gesagt“, fuhr er fort, „dass derjenige, der eine Ewigkeitsmaschine konstruieren will, vorher den wunderbaren Mechanismus des Weltalls schauen muss.

Und ich dachte, ich hätte ihn geschaut.

Aber nie ganz. Auch dabei fehlte ein Rad, das ich nicht sehen, wohl aber wahrnehmen konnte.

Jetzt habe ich es gesehen. Ich bin das Rad, das fehlt.

Ich bin nicht der Schmied, nur das Rad – ein überaus kleines Rad.

Aber ich weiß jetzt, wo es sitzen soll.

Denn das Rad, das Kjellström heißt, ist Schuster.

Ganz einfach ein Schuster. Aber es ist etwas Vollkommenes, wenn es da sitzt, wo es sitzen soll.

Es soll auf dem Schusterschemel sitzen und zwischen Frau und Kindern.

Warum, weiß ich nicht, nur, dass dort sein Platz ist.

Ich gehe jetzt von meiner Maschine weg zurück an meine Arbeit.

Ich mache sie, solange ich sie machen soll.

Und ob ich halte oder ob ich zerbreche, darum kümmere ich mich einen Scheiß.“

Er stand auf und sah Dahl ruhig ins Gesicht.

„Herr Barnes sagte immer – was ja auch die Wahrheit ist – Sie und ich und Bjarnö, wir würden nach dem Stein der Weisen suchen.

Ich erlaube mir, zu sagen, wo der zu finden ist.

Der Stein der Weisen ist ein Meilenstein auf der Landstraße.

Und wollen Sie wissen, welcher unter allen es ist – der nächste.

Gehen Sie nur weiter: es ist ewig unveränderlich der nächste.

Und wollen Sie wissen, was Nirwana ist, so ist es dies:
zu lachen und zu tun, was gerade von einem verlangt wird, und ob man hält oder ob man zerbricht, das geht einen einen Scheiß an.

Kommen Sie, gehen wir beide an den Platz, auf den uns der große Schmied gesetzt hat.“

Anker Larsen, Der Stein der Weisen, Bd. 2, Kap. 25

Ob es Zufall ist, dass Anker Larsen Kjellström ausgerechnet Schuster sein lässt? Jakob Böhme hat ebenfalls über das Räderwerk Gottes geschrieben – dazu vielleicht ein andermal mehr.

Literatur (Hinweis: bezahlte Links):

Anker Larsen: Der Stein der Weisen

Weiterer starker Roman über den Stein der Weisen:

Maria Szepes, Der Rote Löwe

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