Interstate 60: Unterhaltung & Spiritualität

Der Film Interstate 60 aus dem Jahr 2002 bietet eine starke Kombination aus Humor, bester Unterhaltung und spirituellen Hinweisen. Wer Zurück in die Zukunft mochte, findet hier bekannte Schauspieler wieder: Christopher Lloyd und Michael J. Fox; dazu Kurt Russel, bekannt v. a. als Snake Plissken in Die Klapperschlange. Bob Gale, Drehbuchautor und Produzent (mit Neil Canton) von Zurück in die Zukunft, schrieb auch das Drehbuch von Interstate 60 und führte Regie.

Hier ein deutscher Trailer:

Michael J. Fox‘ kurzer Auftritt beschränkt sich auf eine eindrucksvolle, schockierende und lehrreiche Szene recht früh im Film.

Die spirituelle Tiefe des Wünschens

Allein mit dem Thema Wünschen kann man sich der Spiritualität schon sehr tief nähern. Zugespitzte These: Alle Erfahrungen, die wir machen, tragen dazu bei, unser unauslöschliches Begehren so lange zu läutern, bis nur noch ein Wunsch übrig bleibt: Die Rückkehr zum Ursprung. Solange dieses Urbegehren aus dem tiefsten Seelenkern noch unvollkommen verstanden wird, projizieren wir es auf allerlei irdische Ziele, die sich immer wieder als Luftschlösser oder zumindest als vergänglich erweisen und daher die Sehnsucht nicht dauerhaft stillen können. So schrieb Shakespeare im Kaufmann von Venedig:

“All things that are,
are with more spirit chased than enjoy’d.”

Frei übersetzt: Der Eifer, mit dem wir irdische Ziele verfolgen, ist größer als der Genuss, wenn wir sie erreicht haben. Denn dann lockt schon das nächste Ziel …

In Interstate 60 sagt O. W. Grant: „Manche Menschen wissen nicht, was sie sich wünschen sollen.“ Mit dem Wünschen rufen wir eine Antwort auf, die der Schwingung des Wunsches entspricht, aber nicht unbedingt der Intention des Wünschenden. Das knüpft an das Thema Karma an – siehe Beiträge auf diesem Blog zum Karma.

Der Name O. W. Grant ist an sich schon aussagekräftig: O – One, W – Wish, to grant – erfüllen. Man kann ihn als Personifikation einer unpersönlichen Kraft sehen: der Gesetzmäßigkeit der Resonanz. Dazu passt, dass ihm wesentliche menschliche Eigenschaften fehlen. So ist er (im Film dank eines Unfalls, wie er sagt) von der Zeugungsfähigkeit befreit und kennt daher keine Eifersucht, nur Neugierde auf das, was die Handelnden wünschen.

Er weiß oft im Voraus, welche Situationen warten:

Die Hauptperson, Neal Oliver, erkennt das Drama, das Oscar Wilde so schön formulierte:

In dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien. Die eine ist, nicht zu bekommen, was man möchte, und die andere ist, es zu bekommen.

 

Ist der Schüler bereit, ist der Meister nicht weit

Neals Abenteuer beginnt mit seinem Herzenswunsch. Er wünscht sich zum Geburtstag nichts Materielles, sondern eine Antwort. Worauf? „An answer to my life“ – auf seine Lebensfrage. Der Wunsch-Erfüller ist zur Stelle. Wie er später sagt: Es gibt keine Zufälle – er spricht lieber von „Unvermeidlichkeiten“.

Wahrnehmung, Vor-Annahmen und Offenheit

Doch bevor die Reise auf der „in Wirklichkeit“ nicht existierenden Interstate 60 beginnt, wartet im Krankenhaus eine wichtige Lektion auf Neal über Voreingenommenheit. Kinder ohne Vorwissen bestehen diesen Test – Neal mit seinen vorgeprägten Erwartungen hingegen fällt durch.

Die Fähigkeit des Gehirns, an Gelerntes anzuknüpfen, ist im Alltag oft hilfreich – doch leider um den Preis, dass uns vieles, oft zu vieles dadurch entgeht. Auf seiner Reise zu sich selbst benötigt Neal Offenheit für Unerwartetes, um ausgetretene Pfade verlassen zu können. Schließlich geht es darum, nicht mehr (aus einem unvermeidlich begrenzten Bewusstsein heraus) zu urteilen.

Sage was Du meinst, tue was Du sagst

Auch der Mann mit dem Sprengstoffgürtel (gespielt von Chris Cooper) hat eine wichtige Botschaft: Say what you mean, do what you say – Sage was Du meinst, tue was Du sagst. Wie er trocken bemerkt: Würden die Menschen nach dieser Maxime leben, gäbe es viel weniger Komplikationen. Sieht man das Karma als Wollfaden, dann führen (Not-)Lügen, Unaufrichtigkeit etc. zu immer weiteren Verwicklungen und Verknotungen … Siehe Metallicas To Live Is To Die. Lustig und gleichzeitig ernst auch die Szene, als Neal endlich seine Traumfrau findet. Auf verblüffende Weise testet sie seine Aufrichtigkeit.

Welten im Kleinen

Auf seiner Reise entlang der wunderlichen Interstate 60 kommt Neal in Orte, die gleichsam „Welten im Kleinen“ bilden, ähnlich wie die Planeten in Saint-Exupérys Der Kleine Prinz. Da gibt es die Stadt, die Drogen legalisiert hat, mit Kurt Russel als Polizist, der die Spielregeln erklärt. Es gibt die Stadt, in der jeder Erwachsene Anwalt ist und alle sich gegenseitig mit fiktiven Klagen überziehen. Und es gibt ein Museum für gefälschte Kunst. Viele Spiegel für reale Zustände, weniger verzerrt als mancher es gerne hätte …

Ausweg aus der Zweipoligkeit: Der dritte Weg

Ohne zu viel verraten zu wollen: Neal wählt den dritten Weg, als es scheinbar nur zwei Möglichkeiten gibt. Ein herrliches Bild, das man sicher auf mehrere Ebenen beziehen kann. Erfolgreiche Firmengründer sind oft Menschen, die nicht am besten nach vorhandenen Regeln spielen können, sondern die Regeln bzw. den Markt verändern. Auf einer höheren Ebene sind die zwei Möglichkeiten ein Bild für die Zweipoligkeit dieser Welt: Gut und Böse, Krieg und Frieden, Tag und Nacht, Leben und Tod, und so weiter. Der Ausweg liegt nicht im Forcieren des Guten – das Pendel schwingt beständig zwischen den Polen, man kann es nicht auf einer Seite festnageln. Neal erhebt sich aus dem Spiel der Gegensätze. Ähnliche Gedanken finden sich in Funny van Dannens Freunde der Realität („Sie haben eine Meinung zur Rentendebatte und zur Stammzellendiskussion“ – der Sprecher hingegen hat kein Bedürfnis mehr, sich für eine Seite zu entscheiden).

Computer bringen das Grundgesetz dieser Welt auf den Punkt: Sie kennen auf ihrer untersten Ebene zwei Zustände, Null und Eins. Der Ausweg führt aus der Computerwelt heraus, wie im Film Matrix.

Christlich-esoterisch gesehen, symbolisiert Neals Entscheidung gegen die beiden Möglichkeiten das Kreuz. Der horizontale Balken steht dabei für die Welt der Gegensätze; der vertikale Balken durchkreuzt diese Welt und ermöglicht eine Verbindung zu einer höheren Sphäre. Der Mensch mit ausgebreiteten Armen ist wie ein Kreuz, sein Herz liegt im Schnittpunkt des horizontalen und des vertikalen Balkens. Siehe den Beitrag zu Leonard Cohens Ballad of the Absent Mare.

Klare Handlungen folgen aus innerlicher Klarheit

Neal enttäuscht seinen Vater. Man könnte meinen, dass es schwer sein müsste, ein solches Gespräch zu führen. Doch Neal fällt es offenbar leicht. Er hat seine innere Klarheit gefunden, ist ganz mit sich im Reinen, und kann davon zeugen wie von einer Selbstverständlichkeit.

 

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