Bob Dylan: Isis

Diesen Song hörte ich immer mal wieder im Laufe der Jahre – erst kürzlich dämmerte mir, dass man ihn als Beschreibung eines spirituellen Weges auffassen kann.

Bob Dylans Album Desire aus dem Jahr 1976 erreichte Platz 1 der Billboard Pop Albums und wurde von Musikern eingespielt, die ihn auch auf der Rolling Thunder Revue Tour im Vorjahr begleitet hatten. Wie Oh Sister hat Dylan den Song Isis ebenfalls gemeinsam mit Jacques Levy geschrieben.

„Ein Lied über das Heiraten“

Bob Dylan kündigte Isis als „Lied über das Heiraten“ an. Der Erzähler ehelicht Isis, doch die Verbindung hält nicht lange: ‚But I could not hold on to her very long‚. Rasch wird er in ein Abenteuer mit einem dubiosen Charakter verstrickt, ohne zu wissen, worum es wirklich geht. Anstatt einen Schatz zu finden, bettet er seinen Begleiter in einem leeren Grab zur letzten Ruhe, nachdem dieser der extremen Kälte erlegen war. Dann kehrt er zurück, um sich von neuem mit Isis zu verbinden.

Das Alte Ägypten und ein aktueller spiritueller Pfad

Der Text verweist auf das alte Ägypten: Isis bezeichnet eine Göttin, und der Begleiter stirbt bei den Pyramiden. Sicher kann man den Text auf mehreren Ebenen interpretieren – wir wollen dies im Kontext eines zeitgemäßen spirituellen Weges tun. Dazu werden wir die drei Handelnden als Aspekte eines Menschen betrachten.

In der ägyptischen Mythologie wurde Isis‘ Gatte Osiris von seinem Bruder Seth zerstückelt und die Teile im ganzen Land verteilt. Isis sammelte sie wieder ein, und schließlich gelang es ihr, mit Hilfe anderer Götter wie Toth und Anubis, Osiris wiederzubeleben. Sie zeugten einen Sohn, Horus.

Aus spiritueller Perspektive können wir Isis mit dem Seelenaspekt in Verbindung bringen, der den Kontakt zum Geist, Osiris, verliert. Ihr Pfad gipfelt im Wiederfinden des Verlorenen.

Hochzeit mit Isis: Ein Sucher verbindet sich mit der Spirituellen Seele

I married Isis on the fifth day of May
But I could not hold on to her very long
So I cut off my hair and I rode straight away
For the wild unknown country where I could not go wrong

Ich heiratete Isis am 5. Mai / Aber ich konnte die Verbindung nicht lange aufrecht erhalten / Also schnitt ich mir die Haare und ritt davon / In das wilde, unbekannte Land, wo ich nicht vom Weg abweichen konnte.

Wenn wir bei der Idee bleiben, dass Isis für den spirituellen Seelenaspekt steht, können wir den Erzähler mit einem Sucher identifizieren. Er ist sich seiner Seele bewusst geworden, ist aber offenbar noch nicht bereit, nicht reif genug für eine bleibende Verbindung. Das erinnert an Parzivals Suche nach dem Heiligen Gral: Schon sehr früh auf seinem Weg begegnet Parzival ihm, doch er muss noch viele Abenteuer bestehen, bevor er würdig ist, den Gral wirklich zu empfangen.

I came to a high place of darkness and light
Dividing line ran through the center of town
I hitched up my pony to a post on the right
Went in to a laundry to wash my clothes down

Nun beginnt des Erzählers Pfad. Er muss sich klar entscheiden, ob er sein Leben konsequent auf die Lichtsuche ausrichten will und bereit ist, alle Konsequenzen anzunehmen, oder ob er in seinem dunklen Zustand ausharren möchte. (Eine Trennungslinie, „dividing line“, finden wir auch in Leonard Cohens Different Sides.) Das Waschen der Kleider („Went in to a laundry to wash my clothes down„) kann man als Symbol dafür sehen, dass er seinen Seinszustand reinigt: Seine Gedanken, seinen Willen, seine Wünsche und Sehnsüchte. (Simon & Garfunkel’s Scarborough Fair beschreibt ausführlich das Weben des Seelengewandes. Siehe weitere Beiträge zu dieser Symbolik.)

Er trifft seinen sonderbaren Begleiter („Ich wusste gleich, er war außergewöhnlich“), und beide erweisen sich als Männer weniger Worte (z. B. „Ich fragte, wohin wir reisen / Er sagte, wir wären am Vierten zurück / Ich sagte, das ist das Beste, was ich je gehört habe“). Im englischen Sprachraum werden solche Konversationen manchmal elegant als dylanesque beschrieben – weitere Kostproben weiter unten …

Sich selbst überwinden: Eine ernüchternde Erfahrung

Es bleibt dem Sucher nichts anderes übrig, als in unbekanntes Terrain aufzubrechen („the cold in the North“ – die Kälte im Norden). Die Aussicht eines spirituellen Weges mag in manchen hohe Erwartungen wecken, Schätze zu finden, etwa „Einweihung“, „Weisheit“, ein Leben frei von irdischen Sorgen, und so weiter …

I was thinkin’ about turquoise, I was thinkin’ about gold
I was thinkin’ about diamonds and the world’s biggest necklace

Ich dachte an Edelsteine / Gold / Diamanten / die weltgrößte Halskette …

Doch der Pfad erweist sich in vielen Fällen als sehr ernüchternd: Es geht darum, Selbsterkenntnis zu erlangen. Und das beinhaltet, einen genaueren Blick auf die eigenen Unzulänglichkeiten, dunklen Begierden und ganz allgemein die eigene Unwürdigkeit zu werfen, die im scharfen Kontrast zur Reinheit der spirituellen Seele stehen.

As we rode through the canyons, through the devilish cold
I was thinkin’ about Isis, how she thought I was so reckless

Die Schluchten (canyons) und die „teuflische Kälte“ mögen Aspekte andeuten, die bis dahin aus guten Gründen im Unterbewusstsein verborgen blieben. Doch die tiefe Sehnsucht und die Erinnerung an das Seelenlicht, das er durch Isis für kurze Zeit erfahren durfte, helfen dem Sucher, unter diesen herausfordernden Bedingungen durchzuhalten.

How she told me that one day we would meet up again
And things would be different the next time we wed
If I only could hang on and just be her friend
I still can’t remember all the best things she said

Der Begleiter: Eine Personifikation der Wesenszüge, die sterben müssen

Der namenlose Begleiter mag Aspekte des Erzählers symbolisieren, deren er sich bis zu diesem Punkt nicht (oder nicht genügend) bewusst war. An den Pyramiden wächst seine Selbsterkenntnis – plötzlich versteht er besser, worum es nun geht:

We came to the pyramids all embedded in ice
He said, there’s a body I’m tryin’ to find
If I carry it out it’ll bring a good price
‘Twas then that I knew what he had on his mind

Das Licht der göttlichen Seele (Isis) ermöglicht ihm, sich selbst besser zu erkennen. Wo er sich früher als einheitliches Wesen empfand, wird ihm nun klar, wie widersprüchlich und fragmentiert sein altes Bewusstsein ist. An diesem Punkt ist nun eine fundamentale Veränderung erforderlich. Doch dies bedeutet nicht, dass er selbst kämpfen muss. In diesem Geschehen ist er mehr Beobachter als Handelnder. Die Kräfte, die eine Verwandlung bewirken, stehen außerhalb seiner Kontrolle. Unedle Charakterzüge kann man nicht besiegen, indem man sie bekämpft oder unterdrückt. Sie gedeihen im Unterbewusstsein; wenn sie ans Licht kommen, verlieren sie ihre Macht über ihn. Vermeintlich edlen Charakterzügen ergeht es ebenso. Aus Sicht der Seele ist nur der Mensch ein geeigneter Partner, der ihr Licht hindurchstrahlen lässt, ungetrübt von eigenem Willen und eigenen Vorstellungen.

Der leere Sarg und der mystische Tod

Der leere Sarg mag den Prozess der Ego-Überwindung symbolisieren. Dieser „mystische Tod“ fällt nicht mit dem Tod des Stoffkörpers zusammen – wenn es gut steht, wird er lange vorher durchlebt. (Im überraschend spirituellen Film Revolver wird gezeigt, dass es sehr gut möglich ist, ohne Ego-Aspekt zu leben.)

Also stirbt der Begleiter in der extremen Kälte, und der Erzähler begräbt ihn im Sarg. „No jewels, no nothin‘“ (keine Edelsteine, nichts irdisch Wertvolles) erinnert an die Worte „Peace will come … But will bring us no reward when her false idols fall“ aus Dylan’s Changing of the Guards.

Die Wiedervereinigung mit Isis

Der Erzähler kehrt zu Isis zurück und findet sie „auf der Wiese, wo früher der Bach entsprang“ (there in the meadow where the creek used to rise) – eine weitere Ähnlichkeit zu Changing of the Guards: She’s smelling sweet like the meadows where she was born / On midsummer’s eve, near the tower. Wiese und Bach deuten vielleicht Ursprünglichkeit und die Quelle der reinen Energie an.

Isis, altägyptische Göttin
Die altägyptische Göttin Isis.
Bild basiert teilweise auf Bildern
aus dem Nefertari-Grab.
Quelle: Wikimedia Commons;
Urheber: Jeff Dahl

Isis ist nicht gerade in bester Verfassung („Blinded by sleep and in need of a bed“ – „vom Schlaf geblendet und bettreif“ – das passt zur versiegten Quelle auf der Wiese) – sie kann nur wirksam werden, wenn der irdische Mensch sie unterstützt. Die Unterhaltung der beiden widerspricht dem Bild der glorienvollen, erhabenen Seligkeit, das mancher sich vielleicht von spirituellen Prozessen macht:

She said, where ya been?
I said, no place special
She said, you look different,
I said, well, I guess
She said, you been gone,
I said, that’s only natural
She said, you gonna stay?
I said, yeah, I might do

Wo warst Du? / An keinem besonderen Ort / Du sieht anders aus / Ja, kann schon sein / Du warst weg / Na und? / Wirst Du diesmal bleiben? / Ja, vielleicht …

Die letzten Zeilen mögen ausdrücken, wie unnatürlich es sich für den Menschen anfühlt, den Seelenimpulsen zu folgen und dafür all die Werte loszulassen, an denen er sich bisher orientiert hat – obwohl er weiß, dass er sich auf dem richtigen Weg befindet.

Isis, oh, Isis, you mystical child
What drives me to you is what drives me insane
I still can remember the way that you smiled
On the fifth day of May in the drizzlin’ rain

Isis, Du mystisches Kind / Was mich zu Dir hinzieht, macht mich verrückt / Ich kann mich an Dein Lächeln erinnern / Am fünften Mai, im strömenden Regen

Zur Übersicht: Spirituelle Impulse in der Rock- und Popmusik

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