Der Stein der Weisen (Anker Larsen)

Der Stein der Weisen von Anker Larsen (1874 – 1957) erschien 2003 im mym-Verlag als Neuübersetzung aus dem Dänischen. Neben Rudolf Steiner schätzte auch Hermann Hesse Larsen; letzterer schrieb über den Stein der Weisen:

… etwas Schönes, sehr Kluges … höchstes Erlebnis und echter Zauber …“

Die Suche nach dem Stein der Weisen

Der Stein der Weisen ist vermutlich Larsens bekanntestes Werk, denn dafür erhielt er 1923 einen hochdotierten skandinavischen Literaturpreis. Das Motiv wurde in jüngerer Zeit unter anderem durch J. K. Rowling popularisiert: 1997 erschien Harry Potter und der Stein der Weisen. Als Einweihungsroman erinnert Larsens Werk unter anderem an den Roten Löwen – Synonym für das Arkanum der Alchemisten, das unsterblich machende Elixier oder eben den Stein der Weisen.

Bei Anker Larsen sind es drei Hauptfiguren, die nach dem höchsten Ziel streben: Barnes, der schmächtige Pfarrerssohn; der kräftige Holger mit dem guten Kern, der aus Liebe und Gerechtigkeitssinn manchmal jähzornig wird und sich selbst vergisst; und Jens Dahl, der als Kind lange unter dem Holunderbusch saß und „ins Offene“ sah.

Alle drei waren als Kinder empfänglich für die „Himmelssprache“, und alle drei suchten als Erwachsene nach dem verlorenen Paradies. Einer der drei wurde zum Mörder, doch damit endete seine Suche nicht.

Sogar ein Mörder kann ein Einweihungskandidat sein

Dieser Gedanke fasziniert mich und ist ein Beispiel dafür, wie sich Vorstellungen auf dem spirituellen Weg verändern oder ganz umkehren können. Ich dachte früher, Einweihung kann man nur durch ein makelloses Leben erreichen, frei von Karma. Jetzt glaube ich, unter anderem inspiriert durch Larsens Bücher: Jeder kann erlöst werden; alle Menschen sammeln Erfahrungen, die sie früher oder später dorthin führen. Niemand kann beurteilen, wie weit jemand auf dem Weg gekommen ist. Es ist wie bei einem Fass, das sich Tropfen für Tropfen mit Erfahrungen füllt. Es kommt der Moment, an dem es so voll ist, dass keine neuen Erfahrungen mehr angesammelt werden müssen – der Mensch kann sich innerlich leer machen, sich dem Höheren anvertrauen und erhoben werden, egal auf welche Weise er vor diesem Moment vom Höchsten abgewichen war.

Nur einer der drei erreicht sein Ziel.

Der okkulte Weg

Einer der drei Kandidaten begibt sich auf einen okkulten Schulungsweg. Wenig beeindruckt von theosophischen Theoriegebäuden, tritt er der Geheimschule der Theosophischen Gesellschaft bei und lernt, seine Gedanken so zu kontrollieren, dass er im Schlaf bewusste Erfahrungen in der feinstofflichen Welt macht und diese beim Aufwachen seinem Gedächtnis einprägen kann. Einige wenig erbauliche Szenen erinnern an die Läuterung in Dantes Göttlicher Komödie – unter anderem sieht der Schüler, wie ein Kindesmörder die gleiche Szene im Jenseits immer und immer wieder erleben muss, bis er einmal die Ursache in sich selbst überwindet.

Obwohl der okkulte Schüler im Jenseits von einem erfahrenen Lehrer unterrichtet wird, strauchelt er auf seinem Weg. Larsen macht deutlich, wie subtil manche Fallen zuschnappen. Es genügt nicht, vom Göttlichen berührt zu werden; dieser Kandidat wollte sich in der Erfahrung sonnen; er genoss es, wie ein Erleuchteter angesehen zu werden.

Die Radikalität der Selbstüberwindung

Sehr radikal und gleichzeitig sehr einfach ist hingegen der Weg desjenigen Kandidaten, der sein Ziel erreicht. Er gibt alles Eigene preis, um sich dem höheren Willen anzuvertrauen. Dabei kommt es zur „Selbstauslöschung“, in der sich jede Trennung von Gott auflöst.

Lese-Empfehlung: Der Stein der Weisen

Ich schließe mich gern dem mym-Verlag an und wünsche Anker Larsen mehr Bekanntheit – es lohnt sich, seine Werke zu lesen. Zum Teil ging es mir ähnlich wie bei Hermann Hesse: Man liest Seite für Seite mal mehr, mal weniger spannende Ereignisse – und wird plötzlich von einer Erkenntnis, einem Gedanken, einer besonderen Formulierung tief berührt. Zum Beispiel spricht einer der Protagonisten über das ursprüngliche religiöse Gefühl, wie es in theologischen Lehrgebäuden verloren gehen kann und wie man es immer wieder, in jeder Religion, finden und freilegen kann. Oder es geht um die spontane Offenheit für das Höhere bei Kindern, sogar bei einem Säugling, der sich so wortlos mit seinem älteren Bruder verständigen kann.

Hier eine Buchbesprechung auf spuren.ch: „Ins Offene“.

Zu Larsen vergleiche auch die Beiträge über Martha und Maria, Der Kandidat sowie Olsons Torheit.

Hier geht´s zur Übersicht über spirituelle Romane.

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