Bob Dylan: Changing of the Guards (Patti Smith)

Changing of the Guards zähle ich zu den Dylan-Songs, die eine besondere Atmosphäre erzeugen, obwohl (oder gerade weil?) der Text schwer zu fassen ist. Er wurde 1978 auf dem Album Street Legal veröffentlicht (siehe den Beitrag zu Love in Vain vom gleichen Album) und erschien auch als Single (mit Señor (Tales of Yankee Power) auf der B-Seite).

Die Single schaffte es nicht in die Billboard Top 100 und wurde dennoch der 1994er-Kompilation Bob Dylan’s Greatest Hits Volume 3 sowie der 2007er Deluxe Edition von Dylan beigefügt. Meines Wissens hat Dylan den Song nach 1978 nicht mehr bei Konzerten gespielt.

Vielfältige Interpretationsebenen zu Changing of the Guards

Wie sehr der Song Fans in seinen Bann zieht, zeigen u. a. Youtube-Kommentare wie die folgenden:

  • „Klingt wie eine ewige Melodie, von der wir nur einen Ausschnitt hören, die ein- und ausgeblendet wird“ (Seems like an eternal melody and we just hear a section that fades in and fades out; Benny Malone).
    Das erinnert an Dylan’s eigene Worte: „[Der Song] bedeutet jedes Mal, wenn ich ihn singe, etwas anderes. Changing of the Guards ist tausend Jahre alt.“ (It means something different every time I sing it. ‘Changing of the Guards’ is a thousand years old.)
  • „Etwas an dem Lied macht mich glücklich. … Wenn ich es [die letzten beiden Strophen] höre, würde ich am liebsten aufstehen und sprechen. Ich weiß nur nicht, worüber … (Something about the song makes me happy. … It [the last two verses] makes me want to stand and speak but I’m not sure what to speak of. Dustin’s Bedroom)
  • „Ich werde den Song nie kapieren, aber ich liebe ihn sehr!!! (I will never understand this song but I absolutely love it!!!! Stardust Lady)

Mein Verdacht: Wenn ein Song solche Reaktionen hervorruft, dann muss er eine Ebene tief in uns berühren, die über den rationalen Verstand hinausreicht.

Viel wurde bereits über dieses Lied gesagt und geschrieben. David Weir (Bob Dylan Song Analysis) hat ihn tiefschürfend analysiert und beeindruckend viele Assoziationen und Bezüge herausgearbeitet. Aus seiner Sicht handelt er vom Leben Christus‘, von vor seiner Geburt bis nach seiner Auferstehung. Die Hauptthemen, die er beschreibt, lauten:

  • Wie Christus eine neue Weltordnung errichtet
  • Einheit vs. Gespaltenheit
  • Die widersprüchliche Verwendung von Personalpronomen (Ich, Du, ihre / sie, seine / er) und ihre wechselnden Bezüge
  • Das Spannungsfeld zwischen verschiedenen Zeitpunkten und der Ewigkeit
  • Unterschiedliche Bezüge zwischen „Kapitän“ (captain) und „Dienstmädchen“ (maid)
  • Gott und Christus / Jupiter und Apollo im Kontext von Einheit und Gespaltenheit
  • Krieg
  • Aspekte des Christus: Guter Hirte, Osterlamm, Gott
  • Unterschiedliche Perspektiven auf die Auferstehung
  • Tarot

Eine sprituelle Perspektive

Während der Text eine enorme Vielfalt an Interpretationsmöglichkeiten zulässt, beschränken wir uns auf eine spezifische Perspektive: Eine gefallene Seele, die den Ausweg aus ihrem Elend sucht und dabei von helfenden Kräften unterstützt wird. Mal sehen, ob das hier Sinn ergibt.

Ein Schlüssel zu vielen Weisheitsschriften besteht darin, die Handelnden und die Schauplätze als Aspekte und Stationen im eigenen Inneren zu sehen.

Der Sucher ist in die materielle Welt eingetaucht

Der aktuelle Zustand wird als disharmonisch und unglücklich beschrieben:

“Desperate men, desperate women divided“

Verzweifelte Männer und Frauen erfahren sich als getrennt … Bevor der Mensch in die materielle Welt eintauchte, gab es keine Trennung der Geschlechter. “Spreading their wings ‘neath the falling leaves” (sie breiten ihre Flügel unter den fallenden Blättern) mag ein höheres Potential andeuten, das latent geworden ist. Nur eine fast vergessene Sehnsucht ist noch davon übrig.

Ein spiritueller Weg beginnt

Fortune calls” klingt zweideutig: Es könnte auf einen Menschen hinweisen, der auf Reichtum hofft (“Merchants and thieves, hungry for power, my last deal gone down” – machthungrige Kaufleute und Diebe, mein letztes Geschäft ging daneben …). Andererseits könnte es auch den Anfang eines Weges symbolisieren: Den Ruf aus einer höheren Sphäre, der daran erinnert, dass das Leben einen tieferen Sinn hat. Der Sucher ist berührt (“She’s smelling sweet like the meadows where she was born / On midsummer’s eve, near the tower” – sie duftet so süß wie die Wiese, auf der sie geboren wurde, am Abend vor der Sommersonnenwende, in der Nähe des Turms) und erinnert sich an eine Reinheit, die sie / er im aktuellen Leben vermisst.

Der Kapitän (captain) mag ein höheres geistiges Wesen sein (Gott oder Christus für die, die für christliche Terminologie empfänglich sind), das der erwachenden Seele („beloved maid“) reine Energien schickt. Ihr Gesicht ist „unbeschreiblich“ (beyond communication), d. h. mit irdischen Begriffen nicht fassbar.

The captain waits above the celebration
Sending his thoughts to a beloved maid
Whose ebony face is beyond communication
The captain is down but still believing that his love will be repaid

Zu Beginn der Suche ist der Mensch recht unwissend gegenüber der Aufgabe, die ihm bevorsteht, und kann kaum direkt auf die rufenden Impulse reagieren. Die helfenden Kräfte warten geduldig darauf, dass er reift. „The captain is down“ (der Kapitän ist „unten“, zu Boden gegangen) könnte andeuten, dass ein solch höheres Wesen zwar für irdische Kräfte prinzipiell unangreifbar ist, der ihm entsprechende unsterbliche Anteil im Menschen jedoch gefangen und so geschwächt sein mag, dass er sich nicht entfalten kann.

Der Seelenaspekt im Menschen erwacht

Die Seele ist zunächst sehr eingeschränkt („shaved head“ – rasierter Kopf). Langsam, genährt von der Energie des Kapitäns, gewinnt sie an Kraft. Aber ihr Zustand ist disharmonisch – sie ist Kräften ausgesetzt, die sie in unterschiedliche Richtungen zerren.

They shaved her head
She was torn between Jupiter and Apollo

Dann erhält die Seele eine Botschaft aus einer höheren Sphäre – ähnlich wie es im Lied der Perle aus den Thomasakten beschrieben wird. (Das Weben des darin beschriebenen Seelenkleides haben Simon & Garfunkel in Scarborough Fair besungen.)

A messenger arrived with a black nightingale

Die reifende Seele hat einen Zustand erreicht, in dem sie nicht mehr nur von reinen Kräften genährt wird – nun wird sie auch dringender als bisher gerufen: Gerufen, heimzukehren. Sie folgt einer Nachtigall, die sie direkter als zuvor mit der ursprünglichen Energiequelle (fountain) verbindet. Nun erkennt sie, woher sie gerufen wird und wohin sie sich wenden soll (der Schleier, veil, wird gelüftet).

I seen her on the stairs and I couldn’t help but follow
Follow her down past the fountain where they lifted her veil

Die Seele erfährt die Welt der Illusionen

Es ist nicht einfach, sich von der Täuschung zu befreien („Ent-Täuschung“). Bevor das geschieht, erlebt die Seele die materielle Welt der Illusionen. Nachdem sie die Reinheit der Quelle geschmeckt hat, tritt der Kontrast zwischen Illusion und wahrem Leben umso deutlicher hervor.

I stumbled to my feet
I rode past destruction in the ditches
With the stitches still mending ‘neath a heart-shaped tattoo
Renegade priests and treacherous young witches
Were handing out the flowers that I’d given to you

In ihrem erwachenden Bewusstsein nimmt die Seele in der Welt nur Splitter der höheren Erhabenheit wahr (ein anderer Dylan-Song heißt Everything is Broken, Alles ist zerbrochen): Ruinen (destruction, Zerstörung), Verrat (abtrünnige Priester und junge hinterhältige Hexen), Herz-Tattoos statt echter Liebe …

Zudem wird sie mit Lasten früherer Inkarnationen konfrontiert, die sie entmutigen und von ihrem Weg in die Freiheit abbringen wollen.

The palace of mirrors
Where dog soldiers are reflected
The endless road and the wailing of chimes
The empty rooms where her memory is protected
Where the angels’ voices whisper to the souls of previous times

Dylan erzählt von einem Spiegelpalast, der Schreckensbilder zeigt, von endlosen Straßen und Wehklagen …

Die Seele ist auf die Hilfe des irdischen Menschen angewiesen

An diesem Punkt kann die Seele nur weiterschreiten, wenn ihr „Träger“, der irdische Mensch, sie bewusst unterstützt.

She wakes him up
Forty-eight hours later, the sun is breaking
Near broken chains, mountain laurel and rolling rocks
She’s begging to know what measures he now will be taking
He’s pulling her down and she’s clutching on to his long golden locks

Der spirituelle Prozess gewinnt an Fahrt, doch es ist kein automatisches Geschehen. Der sterbliche Mensch muss der Seele helfen – deshalb „weckt sie ihn auf“. Die Zeitspanne von achtundvierzig Stunden mag symbolisch andeuten, dass der Mensch nicht sofort auf die richtige Weise reagieren kann. Er braucht Zeit, um sich auf die Stimme der Seele einzustellen, ihre Impulse zu verstehen, denn es ist nur ein leiser Klang inmitten zahlreicher weltlicher Ablenkungen.

Die Seele hofft, dass er positiv reagieren wird – und das tut er. Sie verbünden sich und schaffen so einen sehr empfindlichen Seinszustand, eine unnatürliche Verbindung sterblicher und unsterblicher Aspekte, was sehr inspirierend in Leonard Cohens Ballad of the Absent Mare beschrieben wird.

Eine endgültige Entscheidung steht an: Welchem Reich willst Du angehören?

Die vorletzte Strophe enthält den wohl einprägsamsten Teil des Songtextes, wie einige Fans beschrieben (siehe oben). Es genügt nicht, die Entscheidung nur ein Mal zu treffen, den Impulsen der Seele zu folgen. Diese Entscheidung wird immer wieder in Frage gestellt, herausgefordert – so lange, bis der Sucher einen kritischen Punkt (a point of no return) überwunden hat, nach dem er fundamental verändert ist.

Gentlemen, he said
I don’t need your organization, I’ve shined your shoes
I’ve moved your mountains and marked your cards
But Eden is burning, either get ready for elimination
Or else your hearts must have the courage for the changing of the guards

Die Stimme, die ihn jetzt anspricht, ist viel direkter und fordernder als die anfänglich zarten Impulse der Seele. Man könnte sie als Jesus Christus bezeichnen – eine erhabene Energie, die der Menschheit seit langem dient („Ich habe Deine Schuhe geputzt“), den Weg der Befreiung vorbereitet hat („Ich habe Deine Berge versetzt“ – auch ein Hinweis auf die Kraft des Glaubens), und uns aufgerufen hat, ihm nachzufolgen, indem er uns durch das Karma-Gesetz beständig Hinweise zukommen lässt („Ich habe Deine Karten markiert“). Ein Sucher mag zu der Erkenntnis gelangen, dass vieles, was er früher als Zufall abtat, Wirkungen früherer Ursachen sind (auch wenn wir oft die Details nicht kennen).

Eine Gefahr in diesem Prozess besteht darin, sich auf den Menschenverstand zu verlassen, und dessen Einsichten in formale Strukturen zu pressen („Ich brauche Deine Organisation nicht“). Den Weg in einer Gruppe zu gehen, kann eine große Hilfe sein – dennoch bleiben Menschen individuell, ihre Erfahrungen werden sich notwendigerweise unterscheiden, und persönliche Erfahrungen können nur sehr begrenzt weitergegeben werden.

Während wir im globalen Maßstab in kritischen Zeiten Wachablösungen (changing of the guards) erleben können, ist die Wachablösung im spirituellen Sinn aus unserer Sicht ein kritischer Punkt im Leben des Suchers: Das Ego übergibt die Kontrolle an die Neue Seele – diesmal endgültig. So endet eine Phase der Zerrissenheit zwischen edlen Seelenimpulsen und offenen oder versteckten Bosheiten (Goethes „Zwei Seelen“).

Erlösung – Überwindung des Todes

Schließlich ist die Seele stark genug, um sich von allem zu lösen, was sie an die Vergänglichkeit band.

Peace will come
With tranquility and splendor on the wheels of fire
But will bring us no reward when her false idols fall
And cruel death surrenders with its pale ghost retreating
Between the King and the Queen of Swords

Für den Menschen bedeutet das den Abschied von allen Illusionen, die bis dahin noch vorhanden waren. Wir mögen an die Jünger Jesu denken, die das Ostergeschehen nicht begriffen, obwohl er sie so intensiv vorbereitet hatte. Der „Siegespreis“ all der Anstrengungen kommt ausschließlich den unsterblichen Aspekten zu Gute, sie geben dem Ego und den sterblichen Seelenanteilen nichts, worauf sie stolz sein könnten (no reward – keine Belohnung). Jetzt gelten Paulus‘ Worte aus dem ersten Korintherbrief 15: Tod, wo ist Dein Sieg? Tod, wo ist Dein Stachel? (cruel death surrenders with its pale ghost retreating).

Aus dieser Perspektive klingt die „Auslöschung“, der Untergang (elimination) aus der vorigen Strophe nicht mehr so bedrohlich, wie wir sonst glauben könnten – vielleicht ist es nur eine ganz nüchterne Beschreibung dessen, was wir ohnehin erleben. Solange die Seele nicht genügend auf ihrem Befreiungsweg voranschreitet, stirbt das System Mensch „ganz normal“ – und die Seele bleibt an das Sterbliche gebunden.

Der König und die Königin der Schwerter sind Tarotkarten. Ohne auf ihre speziellen Tarot-Bedeutungen einzugehen, können wir annehmen, dass sie auf eine Einheit verweisen, die im Kontrast zur anfänglichen Gespaltenheit der verzweifelten Männer und Frauen (erste Strophe) steht. (Dylan sagte nicht: Der König der Schwerter und die Königin der Schwerter.) Auf der Seelenebene mögen sie die Einheit der Geistseele anzeigen, die mystische Hochzeit, das Ziel der spirituellen Alchemie.

Die Version von Patti Smith gefällt mir sehr gut – enthalten auf dem Cover-Album Twelve (dort findet sich auch eine Version von Nirvanas Smells Like Teen Spirit, die mich fast umgehauen hat. Ich hielt das Lied für nicht coverbar). Pattis Version trifft die Essenz des Dylan-Songs sehr gut, ist erfrischend ungekünstelt, klar artikuliert – und klingt deutlich anders als das Original.

Die Zahl Sechzehn

Bis hierher habe ich es vermieden, die Zahl 16 zu erwähnen, mit der der Song beginnt. Ich zögere, darauf einzugehen: Einerseits bin ich sicher, dass tiefe Weisheit in Zahlen verborgen liegt; andererseits sehe ich die Gefahr, in Spekulationen zu verfallen, die irreführen können. Es ist ein schmaler Grat …

Sixteen years
Sixteen banners united over the field

Mehrere Kommentatoren haben eine biografische Verbindung hergestellt: Als Dylan das Lied schrieb, war er 16 Jahre im Musikgeschäft. Street Legal war zwar sein achtzehntes Studioalbum, aber vielleicht hatte er zu dem Zeitpunkt, als er diese Zeilen schrieb, 16 Alben veröffentlicht?

Wie im Beitrag zu Dylans Oh Sister beschrieben, geht es mir nicht um das Erforschen biografischer Zusammenhänge. So will ich nur kurz andeuten, welche spirituellen Bezüge mit der Zahl 16 verbunden sein könnten. Mögen wir nur das annehmen, was eine Resonanz in unserem Inneren hervorruft, und das Folgende nicht über-interpretieren.

  • RidingTheBeast.com stellt fest, 16 sei die „finale“ Zahl einer Schöpfung (emanation), sie stehe für eine vervollständigte Inkarnation (laut Abellio).
  • Angelnumber.org teilt die 16 in die Ziffern 1 und 6 auf. Die 1 stehe für Autorität, den Ausdruck des Selbstes und positive Gedanken und könne eine neue Lebensphase anzeigen. Die 6 hingegen bezieht sich auf Häuslichkeit und Ausgeglichenheit. In ihrer Verbindung als Zahl 16 helfen sie, den spirituellen Pfad zu finden und das Leben stärker auf diesen Weg auszurichten. Zudem gilt die Quersumme 7 als sehr spirituelle Zahl.
  • Wir stimmen zwar nicht allem zu, was auf thesecretofthetarot.com steht. Interessant ist immerhin die Bemerkung: Wenn die Zahl 16 (überall) auftaucht, steht sie in der Regel für eine Art spirituelles Erwachen.
Changing of the Guards (Dylan, Single) / Street Legal (Dylan, Album) / Twelve (Patti Smith, Album)

Zur Übersicht: Spirituelle Impulse in der Rock- und Popmusik

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